09. August 2000, Mittwoch - leicht bewölkt, sonnig, warm, 20 C°

Obwohl unsere Kräfte in den letzten Tagen kaum beansprucht wurden, haben wir an diesem Tag etwas länger geschlafen. Sicher holte sich der Körper so nach und nach die verlorengegangene Energie zurück. Schließlich mußte ich in der vergangenen Woche zweimal neue Löcher in den Gürtel bohren um die Hose nicht zu verlieren.
Wärend Ralf unser Zelt abbaute und die Bodenplane reinigte, bereitete ich uns ein deftiges Frühstück. Es gab heute Rührei mit Speck, Wurstbrote und eine Riesenkanne Kaffee.
Derart gestärkt legten wir etwa 10 Uhr ab und folgten den unendlichen Windungen des Flußlaufes.
Die Sonne, die uns am Morgen so vielversprechend geweckt hatte, verkroch sich am Mittag immer häufiger hinter dicken Wolkenbergen. Wie aus dem Nichts waren die Wolken entstanden und bedeckten mehr und mehr den Himmel.
Da wir bereits erlebt hatten, wie schnell es hier plötzlich regnen kann, nahmen wir vorsorglich unsere Regenkombis aus der Kraxe.
Mehr und mehr kündigte sich ein dramatischer Wetterumschwung an. Die Sonne hatte sich ganz verabschiedet und die Wolken wurden immer dunkler und kamen der Erde näher.
Als dann noch ein ständig zunehmender Wind aufkam zogen wir die Regenkombis an und deckten unsere Ausrüstung mit der Plane ab.
Am Ufer war weit und breit keine größere Lichtung zu finden und wir entschieden uns, solange kein Gewitter aufkam, auf dem Wasser zu bleiben. Selbst bei sehr starkem Wind würde es kaum höhere Wellen geben und wir wären sicher gegen umstürzende Bäume.
Gerade waren wir mit den Vorbereitungen auf den vermuteten Sturm fertig, als es auch schon losging. Der Wind peitschte uns den Regen ins Gesicht und zerrte an der gut verschnürten Plane.
Die Temperatur war in kürzester Zeit von 18°C auf 5°C gefallen und wir ahnten schon, daß da noch etwas kommen mußte. Was dann kam, war die Hölle! Ohne Vorankündigung ging der starke Regen in Hagel über. Hagelkörner von etwa 10mm Durchmesser prasselten auf uns nieder. Glücklicherweise hatten wir dicke Wollmützen aufgesetzt, um die Hüte im Sturm nicht zu verlieren. Zusätzlich schützte die Kaputze der Regenjacke den Kopf vor den Hagelkörnern.
Das Kanu trieb steuerlos auf dem Fluß und war ein Spielball des Windes. Wir saßen etwa 30 min. zusammengekauert auf unserem Sitz und hofften auf ein baldiges Ende dieser Tortour. Selbst die Hände mußten wir unter die Oberarme klemmen, um sie vor den Hagelkörnern zu schützen.
Mir gingen in diesem Moment Berichte aus dem Fernsehen durch den Kopf, die Hagelkörner von der Größe eines Tischtennisballs zeigten. Solche Eisbrocken hätten wir dort nicht überleben können.
Ab und zu hob ich leicht den Kopf, um die Position unseres Kanus auf dem Fluß korrigieren zu können. Keinesfalls durften wir auch unter diesen erschwerten Umständen in die Nähe von Schwämmholz geraten.
Das Unwetter war nach etwa einer Stunde genau so schnell vorbei, wie es gekommen war. Es regnete zwar noch leicht, aber es hagelte nicht mehr und der Wind hatte auch nachgelassen.
Mit den beiden kleinen Kochtöpfen schöpften wir die dicke Schicht Hagelkörner aus dem Kanu und ordneten anschließend unsere Ausrüstung.
Nach einer weiteren Stunde riß sogar die Bewölkung wieder auf und ab und zu sah man die Sonne. Leider tat sich bei der Temperatur nichts. Es blieb bei etwa 5° C lausiger Kälte.
Es war so gegen 18 Uhr, als wir in der Ferne, etwa bei km 105, eine Hütte am rechten Ufer sahen. Eigentlich haben wir uns in unserem Zelt immer sehr wohlgefühlt, hofften aber diesmal sehr, daß die Hütte uns nach dieser Wetterattacke Unterschlupf gewähren würde.
Leider war die Blockhütte in einem sehr verkommenem Zustand. Das Dach hatte sich bereits gesenkt und in der Hütte roch es muffig. Trotzdem schien sie von Jägern gelegentlich genutzt zu werden.
Uns war alles zu schmutzig und wir wollten lieber ein Platz für ein Camp suchen als in diesem Schweinestall zu campieren.
Entgegen des sonstigen Tagesablaufes, wollten wir aber erst unser Abendessen machen und dann ein Camp für die Nacht suchen.
Vor der Hütte baute ich meine Küchenkiste und den Propankocher auf und Ralf sorgte für das große Kochfeuer.
Heute sollte es eine Erbsensuppe aus der Büchse geben. Um die Menge der Suppe zu vergrößern kamen noch vorher gegarte Kartoffeln und angebratene Bockwurstscheiben dazu. Langsam hatte ich den Eindruck, daß es egal war was ich kochte - es war immer ein Hochgenuß.
Nachdem wir das Geschirr und die Töpfe abgewaschen hatten, setzten wir uns noch in aller Ruhe an das Ufer und qualmten ein Zigarillo.
Hinsichtlich der aufkommenden Dunkelheit hatten wir ja in diesen Breiten keine Probleme. Es wurde erst gegen Mitternacht so dunkel, daß man nicht mehr auf dem Fluß fahren konnte. Wir hatten also noch genug Zeit ein ordentliches Camp zu finden.
Nur etwa vier Kilometer flußab fanden wir dann eine Hütte, wie wir sie nicht besser hätten finden können.Eigentlich waren es zwei Hütten, von denen die eine bestimmt schon im 19. Jahrhundert errichtet wurde. Sie war baufällig geworden und man hatte in unmittelbarer Nähe eine neue Blockhütte errichtet. Der Standort war sehr gut gewählt, da das Ufer recht felsig und bewachsen war und in einer Höhe von ca. 5m über dem Wasserspiegel ein waagerechtes Plateau bildete.
Die Tür war nur mit einem normalen Riegel, ohne Schloß versehen. Das ist für Paddler indirekt ein Zeichen, daß der Besitzer nichts gegen eine Benutzung hat, wenn man sich an gewisse Regeln hält.
Wir kannten diese Regeln und hielten uns strickt an das, was jeder Kanute beherzigen sollte. Wir sorgten für eigenes Brennholz, verbrauchten keine vorhandenen Lebensmittel, nahmen unseren Müll mit und hinterließen die Hütte und das Umfeld so, wie wir es vorgefunden hatten.
Die Einrichtung war den Bedürfnissen der Jäger angepaßt, die jedes Jahr im Spätsommer und Herbst hierher kommen und Elche jagen.
Da gab es den wichtigsten Gegenstand in einer solchen Hütte, den Yukon-Ofen. In seiner Urform, aus einem 200 L Ölfaß hergestellt, funktionieren die heutigen Öfen noch nach dem gleichen Prinzip wie damals. An der Stirnseite wurde ein Ofenlied angebracht, auf der gesamten Länge des Fasses ein Rost eingesetzt und oben ein Anschluß für das Ofenrohr angeflanscht. Das ganze wurde auf vier Beine gestellt und fertig war ein Ofen, der binnen kürzester Zeit in der Lage war, eine Blockhütte auch bei stärkstem Frost auszuheizen.
Am hinteren Ende der Hütte standen zwei Stahlrahmenbetten mit Matratzen und an einem der beiden Fenster war ein Tisch mit zwei Stühlen. Ein einziger kleiner Schrank diente zur Aufbewahrung von diversen Küchengeräten.
Das Ganze machte einen sehr ordentlichen Eindruck und wir entschlossen uns, eine Nacht in dieser Hütte zu bleiben.

Blockhütte
Blockhütte

Als erstes wurde Holz gesammelt, zersägt und teilweise gehackt. Schon nach kurzer Zeit rauchte der Schlot und der Ofen strahlte wonnige Wärme ab.Nun wurden an jeden verfügbaren Nagel unsere Sachen zum Trocknen aufgehängt. Das jeder Balken mit vielen eingeschlagenen Nägeln bestückt war zeugte davon, daß die Besitzer der Hütte auch oft Kleidung zu trocknen hatten.
Als dann unsere restliche Ausrüstung verstaut war und die Schlafsäcke auf den Betten lagen, kamen wir langsam zur Ruhe. Gegessen hatten wir ja schon und was lag nun näher, als in diesem schönen, warmen Hüttchen einige Schluck Whisky durch die Kehle rinnen zu lassen. So ganz in Ruhe und genüßlich !


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