10. August 2000, Donnerstag - strahlend blauer Himmel - kühl, 8 °C
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Wir haben geschlafen wie Gott in Frankreich. Ich bin nicht ein einziges Mal wach
geworden und war mir sicher, daß wir so laut geschnarcht hatten, daß selbst ein
Bär nicht in unsere Nähe gekommen wäre. Ralf hatte auch sehr gut geschlafen und
war voller Tatendrang. Draußen empfing uns ein strahlend blauer Himmel und der Stand der Sonne zeigte uns wie spät es schon an diesem Morgen war. Unsere Uhren hatten wir nach und nach so tief in unserem wasserdichten "Wertsachenfaß" vergraben, daß keiner das Bedürfnis hatte, sie zu suchen.Wir brauchten hier keine Uhr - der Sonnenstand sagte uns die Zeit. An diesem Morgen muß es so gegen 10 Uhr gewesen sein. Somit hatten wir etwa 12 Std. geschlafen. Unsere Hosen, Jacken, Hemden und Schuhe waren restlos trocken geworden und konnten verpackt oder angezogen werden. Ein schönes Gefühl trockene Sachen am Morgen anziehen zu können! Ohne viel Worte kramte jeder das zusammen, wofür er zuständig war. Es dauerte keine halbe Stunde und unsere Ausrüstung war im Kanu verstaut. Die im Ofen vorhandene Asche wurde entfernt und das restliche Holz zu dem gelegt, was als Vorrat neben der Hütte aufgeschichtet war. Ein kleiner Rest blieb am Ofen um trocken zur Verfügung zu stehen. Vor der Abfahrt kontrollierten wir nochmals die Hütte und deren Umfeld. Der Besitzer sollte uns nichts negatives nachsagen können. Als wir dieses schöne Camp verließen, hatten wir ein Gefühl der Dankbarkeit in uns. Wir konnten gut schlafen und hatten es mollig warm. Das ist hier draußen in der Wildnis schon etwas ganz besonderes. Vor uns lag der letzte gefährliche Flußabschnitt auf unserem Weg nach Dawson. Nachdem etwa 20 km flußab der Macmillan River in den Pelly River mündet, geht das weite Tal unterhalb der Palmac Ridge in ein Canyon über. Ein Gebirge aus hohen Felsen stellt sich dort den Wassermassen des Pelly Rivers entgegen. In Millionen von Jahren hat sich der Fluß einen Weg durch die Felsen gegraben und es entstand der Granite Canyon. In der Flußbeschreibung von Mike Rourke wird man sehr eindringlich vor den im Canyon lauernden Gefahren gewarnt. Zu beiden Seiten des Flusses ragen steile Felswände auf und im Fluß ist mit riesigen Felsen zu rechnen, die je nach Wasserstand sichtbar sind oder gewaltige Schwallwellen erzeugen. Es wird keine Gelegenheit geben den Canyon zu umtragen oder das Kanu an der Leine zu führen. Sollten wir dort allerdings größere Probleme bekommen und eventuell einen Totalverlust erleiden, dann hätten wir die Möglichkeit uns bis zur Indianersiedlung Pelly Crossing durchzuschlagen. Bis dorthin sind es vom Granite Canyon aus nur noch etwa 46 km. So gegen 12 Uhr erreichten wir in einer sehr ruhigen Fahrt den ersten Mündungsarm des Pelly Rivers. Das Wasser beider Flüsse war von gleicher Färbung. Offensichtlich hat es in den Pelly Mtn. ebensoviel geregnet wie in den Selvyn Mtn., wo wir vor 2 Wochen unsere Fahrt begonnen hatten. Ein ganzes Stück Wehmut kam dann doch auf, als der Macmillan hinter uns aus dem Blickfeld verschwand. Dieser Fluß hat bei uns einen ganz besonderen, tiefgehenden Eindruck hinterlassen. Manchmal wild und lebensbedrohlich, dann wieder ruhig fließend von einer wunderschönen Landschaft umgeben. Und der Tierreichtum! Es verging kein einziger Tag, an dem wir nicht Bären, Elche und Adler gesehen hatten. Nicht zu vergessen die Ruhe, die unberührte Natur und seit zwei Wochen kein anderer Mensch. Wer hat in der heutigen Zeit schon noch die Gelegenheit einen Grizzly aus unmittelbarer Nähe, in freier Natur zu sehen oder ein Wolfsrudel mit seinen Jungen zu beobachten ? All das würden wir ab Pelly Crossing nicht mehr in dem Maße haben, wie auf "unserem" Macmillan River. Nach der Mündung des zweiten Armes des Pelly Rivers hatte der Fluß schon eine beachtliche Breite. Hier war er schon etwa 200 m breit und mit Respekt und voller Erwartungen dachten wir daran, was wohl in den nächsten Stunden auf uns zukommen würde. Im Granite Canyon würden die Wassermassen auf etwa 100m Breite zusammengepreßt! Bei Kilometer 71 ging der Flußlauf in eine nach rechts beginnende Doppelkurve, die am Prallhang schon beachtliche Felswände aufwies. Hier hatte das Wasser aber noch genügend Platz, um ohne Beschleunigung abfließen zu können. Nach dieser Doppelkurve sahen wir auf einer langen Geraden schon von Weitem die sich verengende Schlucht des Canyons. Die Strömungsgeschwindigkeit nahm ständig zu. In der Flußbeschreibung und laut Karte begann der schwierige Teil des Canyons nach dieser Geraden mit einer Linkskurve. Dort sollten in der Flußmitte große Felsen liegen. Auf Ralf`s Paddeltechnik konnte ich mich zu diesem Zeitpunkt wesentlich mehr verlassen, als das in den Stromschnellen in den Bergen der Fall war. Er hatte erheblich mehr Gefühl für die Reaktionen des Kanus und führte bestimmte Manöver schon selbstständig aus. Trotzdem konnten wir einen gewissen "Bammel" nicht verleugnen, als das Rauschen des Wassers immer lauter zu hören war. Jedem sei vor dem Befahren solcher Stromschnellen geraten, von unverantwortlichen Aktionen abzusehen. Nicht zum ersten Mal sind in Stromschnellen dieser Art gute Schwimmer ertrunken. Man kann beim Kentern mit dem Kopf gegen Felsen schlagen,ein Bein kann sich zwischen den Felsen am Grund verklemmen oder Strudel ziehen den Schwimmer immer wieder nach unten. Ein gewisses Restrisiko bleibt natürlich immer! Ein Ort für Heldentaten und unüberlegte Handlungen ist solch eine Stromschnelle aber auf keinen Fall! Wir jedenfalls hatten unsere Sinne voll beisammen als wir uns der ersten Linkskurve am Eingang des Canyons näherten. Ralf beobachtete den Bereich von ca.50 m vor dem Bug, um mir knapp unter der Wasseroberfläche liegende Felsen anzuzeigen. Ich versuchte an Ralf`s breiter Schulter vorbei etwas weiter voraus zu schauen, um festzustellen welcher Bereich des Flusses mit unserem Kanu überhaupt befahrbar ist. Bei km 44, kurz vor der ersten Linkskurve, ist eine Bootsanlegestelle, die von den Jägern aus Pelly Crossing zum Einsetzen ihrer Boote genutzt wird. Ein Waldweg führt vom Klondike Highway hierher und ermöglicht so das Umfahren des Granite Canyons. Als wir dort vorbeikamen war weder ein Boot noch ein abgestellter Pickup zu sehen. Die Burschen kommen erst im Herbst, wenn es darum geht, den größten Elch zu erlegen. Mit beachtlicher Geschwindigkeit gingen wir auf der Flußmitte in die Linkskurve. Ich hatte mir angewöhnt, vor einer Kurve mit unbegehbarem Ufer, immer möglichst in Flußmitte zu bleiben. Beim Erkennen von unbefahrbaren Hindernissen hatte man nur die halbe Breite des Flusses zu paddeln, um die Seite zu wechseln. Das wiederum hatte auch einen Nachteil! In der Flußmitte ist die Strömungsgeschwindigkeit am größten und die Reaktionszeit zur Einleitung von bestimmten Manövern ist oft sehr kurz. Zu unserer Verwunderung war von den großen Felsen in diesem Flußabschnitt nichts zu sehen. Allerdings waren da große Wellen, die das Vorhandensein der Felsen auf dem Grund erahnen ließen. Die Wellen hatten zwar vom Wellenkamm bis zum Wellental eine Höhe von gut einem Meter, waren allerdings so langgezogen, daß wir sie mit Schußfahrt und ohne einzutauchen abreiten konnten. Immer mit der Angst im Nacken, es könnte in einem der Wellentäler doch ein Felsen lauern, brausten wir zu Tal. Obwohl wir nicht mit dem Bug eingetaucht sind, standen wir alleine durch das Spritzwasser bis zu den Knöcheln im Wasser. Und das hieß, die in der Hütte schön getrockneten Schuhe waren wieder sacknass.Unsere Gummistiefel hätten das verhindern können. Nach der Kurve folgte wieder eine Gerade und das Flußbett wurde etwas breiter. Auf der Karte war nun eine Doppelkurve, linksbeginnend, eingezeichnet. Jede der Kurven bog rechtwinklig ab und und war am Ufer von hohen Felsen begrenzt. Da ich während der Fahrt keine Zeit hatte auf die Karte zu schauen, habe ich mir den Flußlauf vorher eingepräg und die Flußbeschreibung mehrmals gelesen. Bevor wir die vor uns liegende Doppelkurve befahren konnten, wollte ich unbedingt auf der rechten Seite, unmittelbar vor der ersten Kurve anhalten. Irgendwo mußte es dort hoffentlich ein kleines Stück begehbaren Ufers geben. Von dort aus würde ich mit dem Fernglas den Flußlauf einsehen können und unseren weiteren Kurs bestimmen. Wieder begann in der Ferne das bedrohliche Rauschen und es wurde immer lauter. Um jederzeit an einer geeigneten Stelle an Land gehen zu können, hielten wir uns ganz dicht am rechten Ufer. Etwa 100 m vor der Linkskurve entdeckte Ralf eine Stelle, an der man gut anlegen konnte. Sofort wurde das Anlegemanöver mit einer Kertwende eingeleitet und dann mit voller Kraft gegen den Strom paddelnd, beendet. Wir befestigten das Kanu am Bug und am Heck mit Seilen an entsprechend großen Steinen. Mit dem Fernglas konnte ich gut erkennen, daß es eigentlich keinen Idealkurs gab. Auf der gesamten Breite des Flusses schäumte das Wasser. Wir hatten keine andere Wahl - es ging nur auf dem Wasser weiter in Richtung Dawson City. Allerdings wollte ich auf keinen Fall hier auf der rechten Seite des Flusses bleiben. Hier hätten wir es nach 100 m mit dem Prallhang zu tun, das ist sozusagen die Außenkurve, gegen die das Wasser mit all seiner Kraft drückt und nach links gelenkt wird. Erfahrungsgemäß gibt es dort zwar weniger Felsen auf dem Grund aber gewaltige Strudel. Nachdem wir das Wasser aus dem Kanu geschöpft hatten, legten wir ab und paddelten unter Aufbietung all unserer Kräfte schräg über den Fluß zur anderen Seite. Die seitliche Drift war natürlich bedingt durch die Fließgeschwindigkeit in der Flußmitte sehr hoch. Gerade noch rechtzeitig hatten wir den Idealabstand zum anderen Ufer erreicht, als wir das Kanu längs zur Fließrichtung stellen mußten. Ohne verschnaufen zu können nahmen wir den Kampf gegen die Naturgewalten auf. Sehr schnell erkannte ich allerdings, daß wir auf dieser Seite überhaupt keine Chance hatten, durchzukommen. Auf einer Länge von gut 100 m lauerten kurze ,steil aufsteigende Wellen mit so kurzem Radius, daß wir nach kurzer Zeit abgefüllt wären und als U-Boot weiterfahren müßten. Als ich Ralf zurief : "zur anderen Seite!",drehte er sich um und ich sah in seinem Gesicht das blanke Entsetzen. Das Kanu drehte sich nach rechts und wir tangierten die erste hohe Welle gerade noch mit dem Heck. Fehlentscheidungen dieser Art werden vom Fluß sofort bestraft. Die Welle knallte gegen das Kanu und wir bekamen eine ordentliche Ladung Wasser als Ballast mit auf den Weg zur anderen Seite. Da ich als Steuermann im Heck saß und die Situation zu verantworten hatte, trafen die Wassermassen ja auch gleich den Richtigen. Nun waren nicht nur meine Schuhe naß, sondern auch Jacke, Hemd, Unterhemd und Hose. Für Betrachtungen dieser Art war natürlich zu diesem Zeitpunkt keine Zeit. Leicht querab treibend, pflügte sich das Kanu von unseren Paddeln getrieben, durch das Wasser zur anderen Seite des Flusses. Als wir bereits die Flußmitte überquert hatten, fanden wir langgezogene, sehr hohe Wellen vor. Wir hörten auf zu Paddeln und stellten das Kanu längs zur Strömung. Auf diese geradezu erzwungene Weise und dem daraus entstandenen Zick-Zack- Kurs waren wir dem Prallhang entgangen und im allerletzten Moment durch nochmaliges Wechseln der Seite einer unbefahrbaren Stromschnelle ausgewichen. Nun steuerten wir geradewegs mit beachtlicher Geschwindigkeit der zweiten Kurve entgegen. Wieder steuerte ich das Kanu so, daß wir am Gleithang blieben und ich hoffte nicht wieder mit derart vielen kurzen Schwallwellen konfrontiert zu werden, wie vor wenigen Minuten. Wie auf einer Berg-und Talbahn brausten wir zu Tal und mußten uns daran erinnern, daß wir die gleiche Situation vor Tagen in den Bergen schon einmal erlebt hatten. Das Wasser spritzte uns ins Gesicht und begann sich schon auf dem Boden des Kanus zu sammeln. Mit beachtlichem Tempo bogen wir dicht am rechten Ufer in die Rechtskurve ein. Meine Taktik, den Prallhang zu meiden, war diesesmal goldrichtig. Die Strömung war so gewaltig, daß es uns trotz intensiven Paddelns von der rechten Flußseite weit über die Mitte hinaus in Richtung Felswand des Prallhanges trieb. Hätten wir zu Beginn der Kurve nicht so weit vorgehalten, wären wir dort mit Sicherheit gescheitert. Ich erinnerte mich in dem Moment an den in der Karte eingezeichneten spitzen Felsen "Needle Rock", der im Auslauf der Kurve am linken Ufer weit in den Fluß hineinreicht. Die Wassermassen erzeugten ein Rauschen und Getöse, wie es furchteinflößender nicht sein konnte.Aber Zeit für Angst und Diskussionen hatten wir nicht. Es gab kein Rückwärtsgang und auch keine wirklich funktionierende Bremse. Vor uns ragte Needlesrock Island, wie ein warnender, erhobener Zeigefinger aus dem Wasser. Es handelt sich dabei um einen 15 m hohen Felsen, der mitten im Fluß steht und über Grund nur etwa 15 m lang und 8 m breit ist. ![]() Needles Rock Island Von den Eismassen im Frühjahr, Unmengen von Treibholz und der ständigen Strömung des Wassers wurde der riesige Felsen so in Form gebracht, daß er der Strömung wenig Wiederstand entgegenzusetzen hat. Bei Niedrigwasser kann man eine kleine Insel erkennen, auf der dieser markante Felsen steht. Da wir durch die Strömung bereits auf der linken Seite des Pelly Rivers waren, entschlossen wir uns links an Needlerock Island vorbei zu fahren. Wir mußten allerdings vermeiden, zu dicht in Ufernähe zu kommen.. Dort sahen wir schon aus der Ferne, wie sich das Wasser an den Felsen austobte. In unmittelbarer Nähe von Needlesrock Island gab es nur die uns schon vertrauten hohen, langen Wellen. In einem Abstand von etwa 40 m zum Ufer passierten wir die Durchfahrt. Nur wenige Meter neben unserem Kanu begannen auf der linken Seite gut einen Meter hohe Schwallwellen und Strudel. Da wir bereits gut 30 Liter Wasser im Kanu hatten, mußten wir unbedingt Ausschau nach einer Landestelle halten. Nur 200 m hinter Needlerock Island fanden wir eine kleine Kiesbank am Ufer und führten trotz der starken Strömung ein sauberes Landemanöver durch. Durch unsere Anspannung auf dem Fluß hatten wir garnicht gemerkt, daß der blaue Himmel grau geworden war und es zu nieseln begonnen hatte. Ralf kramte die "guten" Zigarillos aus dem Fäßchen und tat noch einen halben Liter Whisky dazu. Ach, hat das geschmeckt! Das wir beide naß waren, war kein Thema. Diesen Zustand kannten wir noch von den Stromschnellen in den Bergen. Wenn man in Aktion bleibt, dann erwärmt sich die Kleidung von innen und hält trotzdem Wind und Wetter ab. Gefährlich wird das Ganze erst, wenn man mit diesen nassen Sachen untätig rumsitzt und zu frieren beginnt. Dann ist es höchste Zeit sich umzuziehen. Wir schöpften das Wasser aus unserem Kanu und legten ab, um noch am heutigen Tag die Indianersiedlung Pelly Crossing zu erreichen. Am Ende des Canyons mündet der Needlerock Creek in den Pelly und von dort aus soll ein Pfad hinauf auf die Felsen des Canyons führen. Laut Flußbeschreibung eine lohnende Aussicht. Wir haben damals, ehrlich gesagt, die Stelle verpaßt. Nach Needlerock Island ging es weiterhin mit erheblichem Tempo voran und man mußte zu sehr auf Felsen, Schwallwellen und Strudel achten, als das man noch Zeit gehabt hätte nach einer Bachmündung Ausschau zu halten. Erst bei km 40 nimmt die Strömung stark ab und der Fluß wurde wieder breiter. Als wir uns mit dem Kanu auf dem Fluß treiben ließen, wurde uns erst so richtig bewußt, was wir geleistet hatten. Der Granite Canyon lag hinter uns und wir waren weder gekentert, noch hatten wir das Kanu zum U-Boot gemacht. Da wir keine Wildwasserprofis mit entsprechenden Trainingsmöglichkeiten sind, hatten wir in diesem Moment das Recht uns gegenseitig zu loben. Und das taten wir auch! In der Nähe der Old Wilkinson Farm, einem längst verlassenen Anwesen, stand ein wirklich riesiger Schwarzbär am Ufer und schaute furchtlos zu uns herüber. Kleinere Schwarzbären hatten es meist sehr eilig im Wald zu verschwinden. Dieser tat nicht dergleichen. Offensichtlich handelte es sich hier um ein ausgewachsenes Männchen, das seine Stärken kannte. Bevor der Fluß in mehrere kilometerlange Windungen überging, entdeckten wir am rechten Ufer, hoch auf einem Plateau, mehrere Blockhütten. Wir beschlossen, zu einer Inspektionsrunde an Land zu gehen. Schnell erkannte ich, zu welchem Zweck die Hütten dienten. Schon 1998 hatte ich am Yukon mehrere dieser Fishcamps der Indianer gesehen. Einige Schlachtbänke gab es da und von den Hütten umgeben befand sich im Zentrum das Räucherhaus. Es war ein Haus mit offenen Wänden und einem zeltförmigen Dach. In der Mitte des Daches befand sich eine verstellbare Öffnung als Rauchabzug. In einer Höhe von etwa 2,20 m waren sehr viele lange Stangen befestigt, die zum Aufhängen der Lachsfilets dienten. In der Mitte des Bodens war eine Feuerstelle ausgehoben, um den erforderlichen Rauch zu erzeugen.Die edelste Art Lachse zu räuchern, ist das "Kalträuchern". Die Filets werden nicht gegart, sondern nur dem Rauch ausgesetzt. Dieser Vorgang dauert allerdings mehrere Tage, bringt den Indianern aber bei den eigens aus Japan anreisenden Aufkäufern sehr hohe Preise. Uneingeschränkten Lachsfang oder gar der Fang mit Fischrädern ist ohnehin nur noch den Indianern erlaubt.Ihre Rechte beruhen auf uralten Verträgen mit der Kanadischen Regierung. Offensichtlich ist in diesem "Fishcamp" in diesem Jahr noch kein einziger Lachs gefangen worden. Die Betreiber wissen durch ein umfassendes Informationsnetz entlang des Yukon genau, ob sich der Fang lohnen wird. Liegt der Lachszug unter einem bestimmten Limit, werden die Fischräder garnicht erst aufgebaut. Ursache für den dramatischen Rückgang der großen Lachszüge sind ganze Trawlerflotten vor dem Mündungsgebiet des Yukon. Dort fangen insbesondere Japaner, US-Amerikaner und Russen ganze Jahrgänge von Lachsen weg, bevor diese den Fluß erreichen, um zum Laichen in die Quellgebiete zu ziehen. Die Auswirkungen solcher Raffgier haben wir ja nun in diesem Jahr selbst erlebt. Sehr betroffen von einem so unmittelbaren Beweis der Zerstörung der Natur auch hier oben im hohen Norden, verlassen wir das Camp und setzen unsere Fahrt fort. Es waren jetzt nur noch etwa 20 km bis Pelly Crossing .Dort würden wir nach zwei Wochen wieder auf andere Menschen treffen. Besonders wild waren wir allerdings nicht auf diesen Moment. ![]() Der Pelly River Während wir die fast unendlichen Biegungen des Pelly Rivers befahren, lichten sich die Wolken, der blaue Himmel zeigt sich und die Sonne lacht uns entgegen. Zu beiden Seiten des Flusses erstrecken sich weite Graslandschaften, die vor 100 Jahren mehr als 10 000 Büffeln als Sommerweide gedient haben. Aber auch dieses Kapitel der Natur hat der Mensch zu Ungunsten der Büffel gestaltet. Als wir die letzte Flußbiegung vor der Indianersiedlung befuhren, sahen wir schon von weitem ein einmotoriges Wasserflugzeug in der Nähe des ersten Gebäudes. Wildes Hundegebell kündigte uns den Bewohnern an. Eine ganze Schar Kinder stand am Ufer, und beobachtete die seltenen Gestalten auf dem Fluß. Wer weiß, was sie sich in dem Moment gedacht haben ? Wir winkten ihnen zu - doch keine Erwiederung! Ein Stück weiter stand eine Frau am Ufer und schaute zu uns herüber. Ich rief ihr einen Gruß zu und fragte nach einer Möglichkeit zum campen. Sie antwortete mit vielen Worten, die ich größtenteils nicht verstand. Das in der Nähe der Klondike Highway-Brücke ein Campground sein sollte, hatte ich aber verstanden. In der Nähe einer Bootsrampe fanden wir dann auch ein geeignetes Plätzchen für die Nacht. Wir hatten nicht vor, hier länger zu bleiben, da der Ort keinen sehr einladenden Eindruck machte. Obwohl es schon 20 Uhr war, wollten wir vor dem Aufbau des Lagers das Umfeld erst etwas erkunden. Ralf wollte lieber das Kanu ausladen und ich ging dann erstmal auf Erkundungstour. Es war ein Ort, der mit einer Indianersiedlung, wie man sie aus Filmen kennt, nichts zu tun hat. Längst wohnt auch ein Indianer in einem Blockhaus mit einem riesigen Pickup und einem Schneescooter vor der Tür. Durch den Ort zog sich ein unbefestigter Weg von einem Haus zum anderen. Die wenigen Bewohner, die ich sah, machten einen sehr ärmlichen Eindruck. Bei den Männern glaubte ich mit ziemlicher Sicherheit den Alkohol in ihren Gesichtszügen erkennen zu können. Niemand sprach mich an und es herrschte mir gegenüber allgemeines Desinteresse. Im Zentrum des Ortes stand ein größeres sehr gepflegtes Gebäude. Es war das Verwaltungsgebäude der Territorialen Indianervertretung "Selkirk First Nation" ![]() First Nation Auf einer Schautafel war die Geschichte der Ureinwohner dieser Gegend dokumentiert. Mit gewissem Stolz wurde von Zeiten berichtet, in denen es den Ureinwohnern dieser Gegend sicher besser ging als heute. Letztendlich waren aber auch die Stämme des Nordens von den Segnungen des "Weißen Mannes" überrollt worden. Geblieben war ihnen Arbeitslosigkeit, Sozialhilfe und Alkoholismus. In dem Gebäude entdeckte ich auch eine Poststation mit einem öffentlichen Telefon. Vor zwei Jahren hatte ich die Vorzüge von R-Gesprächen entdeckt und mir die entsprechende Telefonnummer notiert. Auf sehr einfache Weise kann man, ohne Geld zur Hand zu haben, zu Hause anrufen. Das wollten wir dann am nächsten Morgen vor unserer Weiterfahrt erledigen. Einmal im Jahr erreicht der Ort Pelly Crossing eine gewisse Berühmtheit. Im Februar findet das weltbekannte Schlittenhunderennen "Yukon Quest" von Whitehorse nach Fairbanks in Alaska statt. In Pelly Crossing ist dann ein Checkpoint eingerichtet, den jedes Hundegespann passieren muß. Danach versinkt der Ort wieder in den von September bis Mai andauernden Winterschlaf. Etwa 200 m von unserem Camp entfernt, befand sich ein großer Wellblechschuppen, in dem Tag und Nacht ständig ein Dieselgenerator zur Stromerzeugung lief. Man hatte sich keinerlei Mühe gegeben den Lärm durch Schallschutzmaßnahmen einzudämmen. Im Umkreis von einem Kilometer war das Dröhnen des Generators zu hören. Wir brachten für eine derartige Gleichgültigkeit keinerlei Verständnis auf. Als letztes suchte ich noch die Tankstelle am Klondike Highway auf, um zu erkunden, wie dort die Einkaufsmöglichkeiten sind. Ich fand einen recht ordentlich sortierten "Store" vor, in dem wir am nächsten Tag ohne Probleme unsere Nahrungsmittel auffrischen konnten. Ralf war wieder fleißig und hatte schon das Zelt aufgebaut und ein Feuer entfacht. Nachdem ich nicht so schnell wieder zurück war, ist er logischerweise davon ausgegangen, daß unser Camp brauchbar ist. Ich machte aus zwei großen Büchsen Nudelsuppe und einer weiteren Büchse Hühnerfleisch einen Riesentopf Suppe. Dazu gab es altes, hartes Brot mit Belag nach Wahl. Unten am Fluß spulten wir dann beim Sonnenuntergang so gegen 23 Uhr unsere allabendliche Zeremonie ab ( Schnäpschen-Zigärrchen - aber kein Bierchen). Mit den Auswirkungen der Strapazen des Granite Canyons in den Knochen, fielen wir dann in einen wohlverdienten Tiefschlaf. |
| 98 km Pelly Crossing Camp 12 |
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