12. August 2000, Samstag - anfangs sonnig, kühl 13 °C; später sehr windig

Da wir nach unserer Ankunft weder Zeit noch Lust hatten, uns die Ranch genauer anzusehen, taten wir dies am anderen Morgen.
Das ganze Anwesen bestand aus Ställen, Hütten und Wohnhäusern aus allen Epochen der Besiedelung dieses Tals. Da gab es Hütten, die bereits zusammengebrochen waren, neben solchen, die sich seit Jahren im Aufbau befanden.
Sehr gerne und ohne Vorbehalte zeigte man uns alles was es zu sehen gab. Wir durften Filmen und Fotos machen, wie es uns gefiel.
Was uns dabei am meisten wunderte war die Tatsache, daß niemandem hier bewußt war, wie abgrundtief unordentlich alles war.
In den zusammengebrochenen Hütten befand sich noch Werkzeug und Geräte, die man garnicht versucht hatte zu retten.
Wenige Meter neben einem der drei bewohnten Häuser türmten sich defekte Haushaltsgeräte, verrostete Traktoren, alte Autos und landwirtschaftliche Geräte zu einem beachtlichen Schrotthaufen auf.
Hunderte Hühner und ca. 20-30 Kühe hatten freien Auslauf und hinterließen allgegenwärtig ihre Exkremente.
Der Misthaufen hatte Ausmaße erreicht, als wäre er schon 200 Jahre alt. Gerade zu dem Zeitpunkt als wir uns die Ranch ansahen, war eine Suchaktion gestartet worden. Die drei Männer waren sich sicher einen Schweißgenerator zu besitzen, wußten aber nicht wo er war.
Noch nie in unserem Leben hatten wir solch eine Unordnung, solch ein Chaos gesehen!
Trotzdem hatten wir den Eindruck, daß alle die hier lebten, glücklich und zufrieden waren.
Am Abend vorher hatten wir erfahren, wie gerne man uns Gemüse aus dem Garten und Eier verkaufen würde.Wir nahmen das Angebot gerne an und füllten unsere Tonne mit Zwiebeln, Möhren, Kohlrabi, Gurken und 20 Eiern auf. Zum Abschied bekam ich noch von dem ältesten der drei Männer eine Kralle von einem Schwarzbären geschenkt.
Als wir dann in unser Kanu stiegen, stand Kind und Kegel der Pelly River Range am Ufer um uns nachzuwinken.

Das perfekte Chaos
Das perfekte Chaos

Wenige Kilometer flußab am linken Ufer befand sich ein weiteres Gehöft. Es gehörte einem Mann und einer Frau, die sich hier niedergelassen hatten, um ihren Lebensunterhalt mit der Bewirtung und Führung von Touristen zu verdienen. Angesichts des sehr kurzen Sommers und der Abgeschiedenheit ein sehr gewagtes Unternehmen.
Da wir gerade erst 3 km gefahren waren und Fort Selkirk noch besichtigen wollten, blieb für einen Stop keine Zeit.
Im Vorbeifahren sahen wir, wie eiligst die Landesfahne gehißt wurde und wir winkten uns gegenseitig zu.
Am Ende des Tals mit der Pelly River Range, begannen sich die Ausläufer der Plateau-Berge aus dem Boden zu erheben. Etwa 400 m hoch, liefern sie dann an der Mündung des Flusses einen imposanten Anblick.
Ich hatte vor zwei Jahren den Pelly River aus einer anderen Perspektive gesehen. Damals kam ich vom Oberlauf des Big Salmon Rivers und war bereits ca. 90 km auf dem Yukon unterwegs, als ich diese markanten Berge sah.

Vollkommen unspektakulär, ja fast heimlich, vermischte sich das Wasser des Pelly Rivers mit dem des Yukon Rivers. Einen Unterschied gab es jedoch, der uns gleich auffiel. Das Wasser des Yukon war glasklar, das Wasser des Pelly Rivers erdbraun.Lange Zeit waren beide Wasserqualitäten wie durch eine Linie voneinander getrennt.
Erst einige Kilometer fußab hatten die Felsen auf dem Grund und die dadurch entstandenen Strudel die Wassermassen so vermischt, das der Yukon nicht mehr so klar war wie vor der Mündung des Pelly Rivers.
Ein Anflug von Traurigkeit befiel mich, als wir unser Kanu dem großen Strom anvertrauten.War doch für mich die Zeit der Entdeckung nun vorbei. Dieses Teilstück des Yukon bis nach Dawson City kannte ich schon.
Da ich selbst eher die schmaleren, lebhafteren Flüsse liebe, auf denen die Beobachtung von Fauna und Flora viel einfacher und intensiever ist, glaubte ich auf diesem enorm breiten Fluß etwas verloren zu haben.
Nur wenige Kilometer nach dem hinter uns liegenden Mündungsgebiet befand sich am linken Ufer Fort Selkirk, die ehemalige Handelsstation der Hudson Bay Company.
Wohnhäuser, Handelshäuser, zwei Kirchen und eine Schule mit einem einzigen Klassenzimmer sind noch heute gut erhalten und jedem Besucher zugänglich.Eine Indianerfamilie lebt hier und betreut die historischen Gebäude.
Das Familienoberhaupt, ein uralter Mann, legt großen Wert darauf, daß man sich sofort nach Ankunft in ein großes,dickes Gästebuch einträgt.
Wir schauten uns alles genau an, machten einige Fotos und verließen Fort Selkirk bei einsetzendem Nieselregen.
Das Wetter wurde immer trostloser. Zu dem Nieselregen gesellte sich nun noch ein scharfer Wind der uns entgegenblies.
Wir mußten kräftig paddeln und tausende vom Wind beschleunigte Wassertropfen stachen wie Nadeln im Gesicht.
Seitdem wir auf dem Yukon waren, hatte ich auch wieder Flußkarten zur Verfügung und darauf hatte ich vor zwei Jahren alle unsere Camps eingezeichnet. Somit wußten wir, daß bis zum Selwyn River kaum etwas brauchbares zu finden war.
Allerdings hatte ich auch in einer der vielen Flußbeschreibungen von zahlreichen Bären und lästigen Mücken im Gebiet des Selwyn Rivers gelesen. Inwieweit das den Tatsachen entsprach, konnte ich nicht beurteilen.
Auf unserem Weg zum Selwyn River war das Wetter intensiv dabei, unsere Laune auf den Nullpunkt zu bringen. Es schien fast so, als ob der Wind und die peitschenden Regenschwaden unser Kanu zum Stehen brachten.
Es war schon sehr eigenartig. Als ich vor zwei Jahren hier vorbei kam, gab es an dieser Stelle ein heftiges Gewitter mit viel Wind, Regen, Blitzen und Donnerschlägen. Mehrere Blitze waren am linken Ufer in den Wald eingeschlagen und hatten ihn in Brand gesteckt. Bis auf dieses Gewitter hatten wir damals einen richtig schönen, warmen Sommer am Yukon. Der Wald war knochentrocken und stand lichterloh in Flammen. Über dem Fluß und der Landschaft lagen dichte Rauchwolken.
Da wir durch eine Biegung den ganzen Waldbrand nicht einsehen konnten, war fraglich, ob wir auch später noch atmen konnten. Es war eine sehr kritische Situation. An Land zu gehen, war auch nicht ratsam, da uns des Feuer einschließen konnte. Wir gingen davon aus, daß die Brände gerade erst durch das Gewitter entstanden waren und die Rauchentwicklung noch nicht so bedrohlich sein konnte.
Mit kräftigen Paddelschlägen beschleunigten wir unser Kanu und kamen ohne Probleme an dem Waldbrand vorbei.

Uns plagte diesmal kein Waldbrand oder ein Gewitter, sondern dieser starke Wind und der Regen.
Stundenlang folgte ein Paddelschlag dem anderen und nur bei Kurskorrekturen fiel mal dieses und jenes Wort.
Etwa 5 km vor dem Selwyn River, der eigentlich nur ein Bach ist, überquerte ein stattlicher Schwarzbär schwimmend den Yukon.Im Vorbeitreiben hörten wir deutlich seine hastigen Atemzüge. Am Ufer angekommen, schüttelte er sich heftig und verschwand eiligst im Unterholz.
Mindestens einen Bären gab es jedenfalls hier, das wußten wir nun genau! Rechtzeitig vor der Dunkelheit erreichten wir den Selwyn Creek und somit eine gute Stelle für ein Camp.
Alles was wir anhatten, war wiedermal naß oder klamm! Ein ordentliches Feuer und ein reichliches Essen mußte her!! Nur so war es möglich, unsere Laune aus diesem Stimmungstief wieder herauszuholen.
Als erstes spannten wir unsere Seile im Zick-Zack von Baum zu Baum. Die Plane dort drübergeworfen und verspannt, ergab einen wunderbaren Ort, an dem es nicht regnete!
Während ich mich mit der Plane beschäftigte, versuchte Ralf das Feuer in Gang zu bekommen. Erst qualmte es gewaltig, dann ging es wieder aus! Das gleiche Ergebnis nach allen weiteren Versuchen---kein Feuer! Schon oft hatte er selbst bei schlechten Voraussetzungen ein Feuer gemacht, heute wollte es einfach nichts werden. Und dann passierte etwas, was ich nicht erwartet hatte und nicht typisch für Ralf war….er gab auf!
Da ich die Situation mit dem Sauwetter etwas gelassener hinnahm und nicht diesen inneren Zorn hatte, gelang es mir, das Feuer zu entfachen.
Unter der Plane zauberte ich für uns aus der Trockenmilch, Mehl, frischen Eiern und Salz eine beachtliche Anzahl Eierkuchen ( Pfannkuchen ) So, wie sie fertig wurden, so wurden sie auch gleich gegessen. Mal mit Zucker, mal mit Marmelade. Gegessen wurde ja bei uns nicht, bis man satt war, sondern bis nichts mehr da war.
Gerade als das Feuer zu brennen begann, hörten wir ein eigenartiges Brummen in der Ferne. Es kam näher und näher! Wir stürmten in Erwartung eines Motorbootes zum Fluß. Die Dämmerung war bereits weit fortgeschritten und wir trauten unseren Augen nicht, als im Tiefflug, keine 10 m über dem Wasser ein Buschpilot mit seinem Flugzeug an uns vorbeiflog. Über die Verrücktheit des Piloten, bei der Dunkelheit und dem Mistwetter noch zu fliegen, waren wir uns einig.
Er nutzte offensichtlich die hell glitzerndende Wasseroberfläche als Orientierungshilfe auf dem Flug nach Dawson City.
Nach dem Essen war es bereits stockdunkel geworden und es regnete in Strömen. Unsere allabendliche Unterhaltung am Lagerfeuer oder am Flußufer mußten wir ausfallen lassen.
Das elende Wetter hatte uns die Laune verdorben und wir zogen es vor, in die warmen Schlafsäcke zu krichen.


112 km    Selwyn River    Camp 14
 

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