17. August 2000, Donnerstag - Nachts trocken, 8°C, bewölkt , kalter Wind

So früh wie an diesem Tag, waren wir auf der ganzen Tour noch nicht aufgestanden. Ohne in diesem Moment daran zu denken, baute Ralf nun zum letzten Mal das Zelt ab, reinigte die Bodenplane und verstaute alles im Kanu.
Ich habe Kaffee gekocht, Wurst und Marmeladenbrote zubereitet und nach dem Essen meine Küchenkiste geordnet. So, wie wir es seit vielen Tagen immer gemacht hatten, beluden wir das Kanu und hinterließen am Lagerplatz nur unsere Fußspuren. Bereits 7:30 Uhr waren wir geschniegelt und gespornt und stachen "in See".
Ein eisiger Wind fegte uns entgegen, als wollte er verhindern, daß wir unser Ziel erreichen.
Zugegeben, das allgemein schlechte Wetter hatte an unserer Moral genagt. Bei besserem Wetter wären die letzten Etappen nicht so groß gewesen.
Vor zwei Jahren hatten wir größtenteils blauen Himmel und Sonnenschein. Wir saßen mit freiem Oberkörper im Kanu oder mußten uns manchmal vor lauter Faulheit regelrecht zwingen, die Camp's zu verlassen.

Die Etappe zwischen dem 60 Miles River und Dawson City hatte es nochmal so richtig in sich. Der Yukon wälzte sich träge in seinem Flußbett dahin. Wir mußten ständig kräftig paddeln, um einigermaßen vorwärts zu kommen. Auch die Landschaft hatte nichts besonderes zu bieten und war nicht vergleichbar mit der des Macmillan, des Pelly oder des Big Salmon Rivers.
Monoton zogen wir unsere Paddel durch das Wasser. Die Schultern begannen zu schmerzen und der Rücken schrie nach einer Pause.Trotzdem holten wir das Letzte aus uns heraus und gönnten uns nur zweimal eine kurze Rast. Ein schönes Essen sollte es erst in Dawson geben.
Da wir unser Ziel nicht verfehlen konnten, hatte ich an diesem Tag noch nicht ein einziges mal auf die Karte gesehen. So gegen 14:00 Uhr erkannte ich aber am Flußlauf und den Inseln, daß wir kurz vor Dawson sein mußten.
Da war noch eine letzte Biegung zu schaffen und wir würden die Stadt am rechten Ufer sehen können.
Bevor wir aber die Stadt sehen konnten, hörten wir ein brummendes, immer lauter werdendes Geräusch. Na klar, das war das riesige Stromaggregat, welches die Stadt mit Elektroenergie versorgt. Dawson ist nicht an das Fernenergienetz angeschlossen und man muß dashalb den Strom selbst erzeugen.
Wir paddelten nun nicht mehr und trieben langsam auf die Stadt zu. Auf der rechten Seite sahen wir einen der berühmtesten Flüsse Kanadas. Es war der Klondike River, dessen goldhaltige Nebenflüsse überhaupt dafür gesorgt hatten, daß Dawson City hier entstanden war.
Die Stadt befindet sich eigentlich auf einer riesigen, von beiden Flüssen aufgeschütteten Kiesbank. Durch entsprechende Uferbefestigungen, die ständig erneuert und gepflegt werden, verhindert man erfolgreich das Abtragen des Uferbereiches bei Hochwasser.

Dawson City
Dawson City

In Dawson beginnt bzw. endet der "Klondike Highway" und wird auf der anderen Flußseite zum "Top of the World Highway". Man sollte an dieser Stelle mit einer eindrucksvollen Brücke rechnen….aber Fehlanzeige!
Schon von weitem sehen wir, wie eine Fähre Passagiere, LKW und PKW zur anderen Seite transportiert. Hier ist eben alles etwas anders, als man es vermuten würden.
Ansonsten gleicht die Gesamtansicht der Stadt eher der, eines ganz normalen Dorfes. Es ist ja allgemein bekannt, daß die Amerikaner und Kanadier zum kleinsten Dorf schon "Stadt" sagen.
Durch meine Kenntnisse der Örtlichkeiten legten wir nicht in Dawson an.Wir mußten zum gegenüber liegenden Ufer, genau dahin, wo die Fähre anlegt.
Dort hat ein Deutscher Auswanderer auf einem Felsplateau ein Camp errichtet, welches vortrefflich für ankommende bzw. durchreisende Kanuten geeignet ist. Wir wurde von Dieter Reinmuth begrüßt,als würden wir hier jede Woche vorbeikommen.
Mit einem speziell für den Kanutransport gebauten Wagen holen wir unser Kanu und die Ausrüstung in das Lager.
Von nun an wollten wir auch nicht mehr im Zelt schlafen und mieteten uns für stolze 17 $ pro Nacht eine Blockhaushälfte.
Mit den hiesigen Gepflogenheiten muß man sich allerdings erst vertraut machen, um zu verstehen, wie einfach und doch genial das ganze Konzept auf die Bedürfnisse der aus der Wildnis kommenden Kanuten abgestimmt ist. Ein gewisses Maß mehr Komfort wäre zwar denkbar, aber sicher unrentabel. Die Zeit für Kanuten ist auf maximal 4 Monate im Jahr beschränkt.

Die Blockhütten sind sehr einfach eingerichtet. Ein Etagenbett (der jüngere muß immer nach oben!) ein Tisch, zwei Stühle, ein Kleiderhaken, kein Strom und auch kein Licht---das war's!

D.Reimuth's Blockhütten
D.Reimuth's Blockhütten

Wir bezogen nach den Anmeldeformalitäten unsere Blockhütte und richteten uns, so gut es möglich war, ein. Danach hoben wir das Kanu in den entsprechenden Ständer. Sauber machen wollten wir es an diesem Tag nicht mehr…da gab es wesentlich wichtigere Dinge zu tun.
Anschließend führte ich Ralf durch das Camp, um ihn mit den Örtlichkeiten vertraut zu machen.
Zentral gelegen, befand sich die Gemeinschaftsküche mit der einzigen Trinkwasserzapfstelle. Große rustikale Bänke und Tische boten genug Platz für die Zubereitung des Essens. Hatte jemand keinen eigenen Kocher, mußte er erst Holz sägen und hacken, um den Herd anzuheizen.
In einem Schrank mit vielen Fächern stand ein enormer Vorrat an Lebensmitteln und allerlei Zutaten zur Verfügung. Jeder, der hier in Dawson seine Reise zum Abschluß brachte, ließ die Restbestände der Verpflegung in dieser Küche.
So mancher der "4-Wochen-Müsliesser" ist durch diese Lebensmittel wieder zum Leben erweckt worden und hat gedacht er wäre im Paradies angekommen.

Gemeinschaftsküche
Gemeinschaftsküche

Auch zur Körperreinigung mußte man in diesem Camp über ein gewisses Maß an Insiderkenntnissen verfügen. Vor dem Bad stand grundsätzlich das Sägen und Hacken des Feuerholzes. Wenn das Feuer im Ofen prasselte, sollte man tunlichst den Baderaum mit einem mitgebrachten Schloß verschließen. Ansonsten saß u.U. ein anderer im Baderaum und erquickt sich mit dem schönen, warmen Wasser. Endkonsequenz : Sägen und Hacken!
Das Bad selbst geschah auf einfachste Weise. Man hatte mehrere Töpfe und Eimer zur Verfügung, mischte sich mit deren Hilfe kaltes und warmes Wasser und goß sich dieses, auf einem Hocker sitzend, über den Körper. Wollte man gleichzeitig eine Sauna haben, mußte man ab und zu an den im Baderaum stehenden, glühenden Badeofen Wasser gießen.
Was hieß dort überhaupt Badeofen ? Der Ofen bestand aus einen ehemaligen Ölfaß. Ein Boden war ausgeschnitten und in der Mitte des Fasses wieder eingesetzt worden. Das Faß wurde hochkant aufgestellt und in die untere Hälfte eine Ofenklappe und ein Gitterrost eingbaut. Zu diesem Zweck, gibt es in Kanada schon vorgefertigte Teile. In die obere Hälfte wurde dann kaltes Wasser eingelassen und in der unteren Hälfte des Fasses brannte das Feuer.
Beim Spülen des Geschirrs hatte man es einfacher. Da konnte man sich ungestraft aus dem Badeofen einen Topf heißes Wasser entnehmen. Man mußte nur darauf achten, daß gerade jemand baden wollte und heißes Wasser vorhanden war.

Was Kochgeschirr und Schüsseln betraf, verhielt es sich so ähnlich, wie mit den Lebensmitteln.
Noch nie hatte ich bisher eine so große Auswahl an unterschiedlichsten Töpfen, Pfannen, und Schüsseln gesehen, wie in diesem Camp. Selbst schwere Gußeisenpfannen hatte man bis hierher gewuchtet, um sie dann in Dieter Reinmuth's Topf und Pfannenladen zurückzulassen.
Eigentlich war hier alles weitestgehend dem Selbstlauf überlassen.Wer nicht für sich sorgte, bekam auch nichts. Da aber in diesem Camp fast ausschließlich an Selbstversorgung gewöhnte Kanuten anzutreffen waren, kamen alle gut zurecht.

Nachdem unsere Sachen im Blockhaus verstaut waren, wollten wir nur noch baden, ordentlich essen und anschließend unsere Ankunft in Dawson feiern. Ich übernahm das Badefeuer und Ralf schulterte den Rucksack und fuhr mit der kostenlosen Fähre rüber in's Städtchen, um Bier zu beschaffen.
Schon als wir noch mit dem Kanu auf dem Yukon waren, hatten wir beschlossen, daß es am Abend Kartoffelpuffer geben sollte. Ich machte mich nach einem ausgiebigen Bad daran, mit dem Reibeisen Kartoffeln und eine Zwiebel zu reiben. Als der Teig dann in die Pfanne kam und der typische Kartoffelpuffergeruch durch die Küche zog, war das für zwei Japaner eine sehr interessante Sache. Zum Kosten ließen sie sich allerdings nicht überreden. Sie zogen es vor, ihre Nudeln in diverse Soßen zu tunken und zu essen.
Unsere zeitliche Abstimmung klappte wieder hervorragend. Gerade waren die ersten Puffer fertig, als Ralf vom Einkauf zurückkam. Der unverschämt hohe Preis für das Bier, war auch heute ein Grund die kanadische Preispolitik zu verfluchen.
Nach dem Essen nahm Ralf ein ausgiebiges Bad und fühlte sich danach so richtig gut.
Gegen 21:00 Uhr sollte unsere Ankunftsfeier stattfinden. Oberhalb der Küche war auf einem Felsplateau ein Stuhl und eine Bank aufgestellt. Etwa 40 m unterhalb des Felsens floß der Yukon ruhig an uns vorüber. Unsere Blicke gingen hinüber nach Dawson, in das Tal des Klondike und dem Verlauf des Yukon folgend in die Richtung, aus der wir gekommen waren.
Wir hatten für diesen Abend noch 3/4 Liter Whisky aufgespart und von den schweizer "Curly" Zigarillos waren auch noch einige üblig geblieben.Wie an vielen Abenden zuvor, genossen wir auch heute bei einem guten Schluck die Ruhe des Abends. Selbstverständlich waren unsere Erlebnisse auf den Flüssen der dominierende Gesprächsstoff.
Unserer anfänglichen Freude über die gelungene Tour, folgte mit fortschreitender Zeit eine gewisse Traurigkeit. Traurig waren wir, weil nun alles vorbei war. Vor uns lag der Alltag mit all seinen Vor-und Nachteilen. Weit weg von der Schönheit unberührter Natur würde jeder von uns wieder seinem Beruf nachgehen und dem Geld nachjagen.
Bei all unseren Gesprächen war am Ende nur eine Frage unbeantwortet geblieben : Würden wir eines Tages wieder gemeinsam auf einem Fluß unterwegs sein und die Herausforderungen der Natur annehmen ?
Die Whiskyflasche war leer, Bier war auch keins mehr da und wir beide hatten eine erhebliche Schlagseite. Da ich unmittelbar an der Abbruchkante des Felsens saß, mußte ich den kümmerlichen Rest meiner Körperbeherrschung zusammennehmen, um nicht am Ziel unserer Tour von diesem Felsen aus in den Fluß zu stürzen.

Sehr spät in der Nacht, als von Dawson nur noch die wenigen Lichter in den Häusern und die spärliche Straßenbeleuchtung zu erkennen war, gingen wir in unsere Blockhütte und schliefen bis weit in den nächsten Tag hinein.


96 km    Dawson City    Camp 17
 

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