30. Juli 2000, Sonntag - nachts Regenschauer, tags stark bewölkt - ca.15 C°
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So gegen 7:00 Uhr wurden wir wach und überlegten, ob wir das Zelt überhaupt
verlassen wollten. In der Nacht hatte es mehrmals leicht geregnet und schon
im Zelt konnte man draußen die Mücken summen hören. Aber was half es, keiner war da, der uns das Frühstück machen, das Lager abbauen und alles im Kanu verstauen würde. Schon zu Hause hatten wir uns ausgemacht, daß jeder von uns ganz bestimmte Arbeiten zu verrichten hatte, die keiner vorherigen Absprache bedurften. Ralf hatte alles übernommen, was mit dem Feuer zu tun hatte und war für den Auf - und Abbau des Zeltes verantwortlich. Ich war für das zuständig, was die sehr umständliche Zubereitung des Essens betraf. Da ich allerdings sehr gerne und auch recht gut koche, habe ich meine Aufgabe mit Spaß an der Sache erledigt. Außerdem war es auch meine Aufgabe, die Kameras stets zur Hand zu haben. Ich empfand die Verantwortung für das Fotografieren und Filmen als große Last, da ich mich selbst unter großen Erfolgsdruck setzte. Bei der Tour auf dem Big Salmon River hatte sich diese Einteilung der Aufgaben außerordentlich gut bewährt. Es gab keinerlei Mißverständnisse und keine sinnlosen Diskussionen. An diesem Morgen hatten wir es schon alleine durch die vielen Mücken sehr eilig. Ich kochte uns auf dem Propankocher einen steifen Kaffee und stellte eine ordentliche Anzahl Wurst- und Marmeladebrote bereit. An diesem und auch an den Folgetagen, blieb nicht ein einziges mal etwas von meinem Frühstück übrig. Das Beladen des Kanus war mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden. Unser Lager war am Prallhang des Flusses, dort wo er ständig Erde abgetragen und eine steile, etwa 2,5 m hohe Böschung ausgewaschen hatte. Einer von uns muße im Kanu bleiben und die von oben zugereichten Sachen verstauen. Das war eine sehr wackelige Angelegenheit! Anders ging es aber nicht. Nachdem wir auch unsere Abfälle eingepackt hatten, verließen wir dieses unpraktische Camp mit seinen vielen Mücken. Wir wollten uns heute einen besseren Platz suchen, um dort etwa zwei Tage zu bleiben. Es war dringend erforderlich unsere Ausrüstung nach praktischen Gesichtspunkten zu ordnen. Das betraf vor allem die Küchenkiste und den Proviant. Etwa 40 Flußkilometer hatte ich nun Zeit, um Ralf in die Kunst des Kanufahrens einzuweisen. Das war, gemessen an dem, was in den Stromschnellen auf uns zukommen würde, sehr wenig. Er saß ja nun zum ersten Mal in einem Kanu. Ich brachte ihm bei, daß man beim Anlegen am Ufer das ganze Kanu wenden muß und gegen die Strömung paddelnd anlegt. Wir wendeten auf der Flußmitte, steuerten bestimmte Punkte an, fuhren bewußt auf Hindernisse zu, um ihnen dann im letzten Moment noch auszuweichen. Wichtig war mir dabei, daß er die Trägheit des Kanus einzuschätzen lernte. Ralf mußte erkennen, daß alle Aktionen rechtzeitig eingeleitet werden müssen und Ausweichmanöver wie mit dem Auto unmöglich sind. Seine wichtigste Aufgabe war es, mir rechtzeitig Hindernisse im Wasser anzuzeigen und die Richtung des Bugs stabil zu halten. Er lernte schnell und setzte die Kommandos mit Kraft und Ausdauer um. Manchmal konnte er allerdings nicht verstehen, warum in dem einen oder anderen Fall rechts oder links zu paddeln ist. Das waren eben diese Momente, die mit der Trägheit eines Bootes und der Strömung zu tun haben. Wir hatten nun 2 Stunden die verschiedensten Manöver geübt und auf Zuruf reagierte Ralf sehr gut. Leider wußte ich, daß es insbesondere in den Stromschnellen viele Situationen geben würde, in denen ich genug mit den Manövern zu tun hatte, die ich als Steuermann auszuführen hatte. Dann würde keine Zeit bleiben, mich um die nötigen Aktionen des Bugmanns zu kümmern. Nach etwa 34 km erreichten wir eine große Sandbank am Gleithang in einer Flußbiegung. Diese Stelle war ideal! Freie Sicht im Umkreis von mindestens 50 m und Dank des leichten Windes keine Mücken. Umgeben von Bergen hatte der Fluß an dieser Stelle eine kleine Hochebene mit der Gewalt des Wassers bizarr und urwüchsig gestaltet. Auf der einen Seite des Flusses war aus dem ehemaligen Flußlauf ein großes Sumpfgebiet entstanden. Abgelagerte Baumstämme wurden von Kies und Erde überschwämmt und so hatte sich eine flache Insel gebildet. Auf ihr wuchsen Weidensträucher, Binsen und Schilf. Am rechten Ufer war im Frühjahr durch Eisstau eine sehr große Sandbank aufgeschwämmt worden. In der Mitte dieser Sandbank befand sich ein kleiner See. Überall lagen entwurzelte, blankgeschliffene Baumstämme, die der Fluß ausgespült und mitgerissen hatte. Wir errichteten unser Lager in gebührendem Abstand zum Wasser und nahmen auch das Kanu mit. Das Kanu war unsere Lebensversicherung. Ohne Kanu würden wir zweifellos in eine lebensbedrohliche Situation geraten. Deshalb haben wir es immer gut gesichert und möglichst weit vom Wasser entfernt angebunden. Für meine Küche mußten wir gemeinsam eine Überdachung bauen. Zu diesem Zweck hatten wir eine Kunststoffplane ( 5x10m ) mit und zogen sie über ein mit Seilen abgespanntes Gestell. Nun waren meiner Kochkunst keine Hindernisse mehr im Wege. Nachdem die Küchenkiste und das wasserdichte Faß eingeräumt war, machte ich uns eine riesige Portion Nudeln mit Tomatensoße und angebratenen Bockwurststückchen. Ralf bezeichnete sich sowieso als größten Nudel und Tomatensoßen-Fan und auch mir schmeckte es vorzüglich. Am späten Nachmittag hatten wir dann Zeit, uns endlich einmal etwas auszuruhen. Ralf hatte aus Baumstämmen eine schöne Sitzbank gezimmert und ein gemütliches Feuer entfacht. Es regnete nicht mehr und wir genossen am Lagerfeuer zum ersten Mal in aller Ruhe die unendlich schöne, unberührte Natur. Doch was war das ? Für einen Moment schien uns das Blut in den Adern zu gefrieren! In unmittelbarer Nähe unseres Lagers, keine 100 m entfernt, ertönte das Heulen eines Wolfes. ![]() Lager am Wolfsbau Dieses Heulen in unserer unmittelbaren Umgebung fuhr uns doch ziemlich in die Glieder. Was sollten wir davon halten ? War das hier draußen normal, oder handelte es sich um eine Bedrohung ? Kamen etwa noch mehr Wölfe und würden sie uns in der Nacht angreifen ? Tief in unserem Innersten meldeten sich uralte Instinkte und Empfindungen. Wir fühlten uns unendlich frei aber gleichzeitig auch bedroht. Was wir hörten, war das Heulen eines einzelnen Wolfes, das manchmal von eigenartigen, winselnden Heulversuchen begleitet wurde. Hatten wir uns da etwa in der Nähe eines Wolfsrudels mit Jungen niedergelassen ? Etwa eine Stunde lang ertönte der schauerlich schöne Ruf des Wolfes der aufkommenden Nacht entgegen. Mit etwas gemischten Gefühlen krochen wir in unsere Schlafsäcke und schliefen trotz anfänglicher Bedenken tief und fest bis zum nächsten Morgen. |
| 34km Am Wolfsbau Camp 2 |
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31. Juli 2000, Montag - leicht bewölkt, sonnig, 18 C°
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Am Morgen wurden wir durch das Heulen des Wolfes geweckt. Im Zelt liegend
hatte man den Eindruck, er hätte sich unserem Lager genähert. Dieser Eindruck
bestätigte sich aber nicht. Wie gestern Abend, kam das Heulen aus gleicher Richtung
und Entfernung. Obwohl es in der Nacht dauernd genieselt hatte, begrüßte uns der Morgen mit Sonnenschein und blauem Himmel. Eine ordentliche Portion Rühreier mit Speck, einige Wurstbrote und eine Kanne Kaffee weckten an diesem Morgen unsere Lebensgeister. Dieses Camp bot sehr gute Bedingungen, um vor den Stromschnellen die Sachen zu ordnen und verschiedene Beladeversuche unseres Kanus durchzuführen. Wir entschlossen uns, diesen Tag dafür zu nutzen und die Fahrt erst am nächsten Morgen fortzusetzen. Nachdem ich meine Küche in Ordnung gebracht hatte, nahm ich mir die Video- und die ABS-Kamera und suchte geeignete Perspektiven von unserem sehr schön gelegenen Camp und seiner Umgebung. Ralf hatte die Schlafsäcke zum Lüften aufgehängt und füllte anschließend den Holzvorrat für das Lagerfeuer auf. Der ehemalige Flußlauf (Totarm) gegenüber unseres Camps machte mich sehr neugierig. Lag er doch genau in der Richtung, aus der das Heulen des Wolfes kam. Man brauchte nur mit dem Kanu etwas oberhalb unseres Camps einzusetzen und konnte so mit der starken Strömung schräg über den Fluß paddeln. Eigentlich wollte ich alleine auf Erkundung gehen aber Ralf fand auch Gefallen an der Idee und wollte mitkommen. Mit der Kamera und dem Bärenspray bewaffnet, gingen wir auf Erkundungstour. Mit einem kräftigen Spurt hatten wir den Fluß überquert und fuhren dann in völlig ruhigem Wasser einem schier undurchdringlichen Wirrwarr von angeschwämmten Baumstämmen entgegen. Mit viel Mühe schoben und zogen wir das Kanu durch. Die Blockade war etwa 50 m lang und danach kam freies Wasser. Unser Kanu glitt langsam an Schilf und Binsen vorbei. Der Flußarm wurde breiter und bildete einen kleinen See. Als wir am Ende des See`s angekamen und im Begriff waren zu wenden, sah ich in einer Entfernung von etwa 50 m am Ufer in den Binsen einen regungslos in unsere Richtung starrenden schwarzen Tierkopf. Mehr war durch die hohen Pflanzen nicht zu erkennen. Für einige Sekunden war mir nicht klar, welches Tier uns da beobachtete. Das einzige was ich eigentlich sah, waren auffällig spitze Ohren. Nachdem ich Ralf meine Entdeckung gezeigt hatte und gleichzeitig die Kamera aufnahmebereit machte, begann das Tier mit großen Sprüngen ganau auf uns zuzulaufen. Immer lauter hörten wir das spritzende Wasser nach jedem einzelnen Sprung. Nach wenigen Sekunden hatten wir erkannt, daß ein Wolf auf uns zugerannt kam. Mit bis zum Hals schlagendem Herzen verfolgte ich den Wolf mit der Kamera. Etwa 10 m vor uns, dort wo das sumpfige Schwämmland aufhörte und tieferes Wasser begann, blieb er stehen. Sein Fell war fast schwarz und ohne jede Regung starrten uns zwei glühende Augen an. Ein faszinierender Anblick! Trotzdem waren wir beide in dem Moment einer Ohnmacht sehr nahe. Blitzschnell gingen einem da viele Fragen durch den Kopf. War der Angriff nur eine Drohung ? Würde der Wolf gleich ins Wasser springen ? Waren da noch andere Wölfe, die gleich von allen Seiten angreifen würden ? Während ich noch immer mit rasendem Puls filmte, hatte Ralf den "Rückwärtsgang" eingelegt und wir entfernten uns langsam. Hinter dem Wolf tauchten plötzlich noch drei halbwüchsige Wölfe auf. Wir entschlossen uns zu einem sofortigen Rückzug und die Wölfe verfolgten uns am Ufer sehr aufmerksam. Als wir uns in einiger Entfernung wieder gesammelt hatten stellten wir fest, daß wir gestern mit unserer Vermutung Recht hatten. Wir hatten unser Lager in unmittelbarer Nähe eines Wolfsrudels aufgeschlagen! Noch dazu dort, wo sie ihre Jungen aufzogen! Tief beeindruckt, innerlich aufgewühlt und mit etwas weichen Knien erreichten wir unser Lager. Kein Zeitpunkt konnte günstiger sein, als jetzt in aller Ruhe ein Zigarillo zu rauchen und einen ordentlichen Schluck Whisky zu genießen. Das taten wir dann auch! Wir machten es uns auf Ralf`s gezimmerter Bank am Lagerfeuer bequem. Mit den Gedanken noch bei den Erlebnissen mit den Wölfen, starrte jeder vor sich hin und ließ seinen Gedanken freien Lauf. Nach einiger Zeit sah ich zur anderen Seite des Flusses, etwa 150 m flußaufwärts, zu einer kleinen Lichtung am Ufer. Das nähere Umfeld des Camps immer wachsam im Auge zu behalten, hatte ich mir vor zwei Jahren am Big Salmon River angewöhnt. Was ich aber dort auf der Lichtung sah, ließ mich für einen Augenblick an meinem Verstand zweifeln! War das Realität, was ich da sah oder Einbildung? Ich schaute weg und dann wieder zu dieser Stelle. Unzweifelhaft stand dort auf der Lichtung ein ausgewachsener Grizzly! Zu Hause hatte ich mich sehr eingehend mit den unterschiedlichen Merkmalen des Grizzlys und des Schwarzbären vertraut gemacht. Ich war mir sicher! Als ich Ralf anrempelte und sagte: "Ralf, dort drüben auf der Lichtung ist ein Bär", glaubte er ich würde ihn veralbern und antwortete : "nun ist es aber gut"! Erst als ich aufstand und die Kamera holte wurde er stutzig. Dank des Zoom's der ![]() Grizzly am Lager Kamera gelangen mir recht gute Aufnahmen. Bemerkt hatte uns der Bär dank der für uns günstige Windrichtung nicht. Langsam näherte er sich dem Wald und entzog sich unseren Blicken. Etwa zehn Minuten später ging ich runter zum Fluß, um mal nach Lachsen Ausschau zu halten. Das Wasser war durch den vielen Regen sehr trübe und man konnte nichts erkennen. Das ich keinen Lachs entdecken konnte, beunruhigte mich nicht. Ähnlich erging es mir vor zwei Jahren am Big Salmon River. Tagelang war kein einziger Lachs im Fluß. Wie aus dem Nichts waren sie dann aber plötzlich da. Tausende Lachse zogen in den folgenden Tagen an unserem Kanu vorbei. Gerade wollte ich wieder zurück zu unserem Camp gehen als Ralf rief : "Klaus, hinter dir"! Ich drehte mich um und sah in etwa 20 m Entfernung auf der anderen Seite des Flusses einen auf seinen Hinterbeinen stehenden Grizzly. Nein, was für ein Tag! Wieder diese Gedankenblitze! Springt er gleich ins Wasser und ist in wenigen Sekunden bei mir ? Bewahrheitet sich mein angelesenes Wissen, was da sagte, daß ein Bär sich nicht zum Angriff aufrichtet, sondern um besser sehen zu können ? Im Zoo hatte ich schon oft furchtlos vor einem Bären gestanden. Allerdings gab es dort einen tiefen Wassergraben und Gitter zwischen mir und dem Bären. Das hier, war etwas ganz anderes. Nichts konnte mich in dieser Situation vor dem Grizzly schützen. Egal, ich entschloß mich für einen ganz langsamen Rückzug. Der Bär sollte mich nicht für ein flüchtendes Beutetier halten. Der Grizzly blieb harthäckig an der Stelle, richtete sich immerwieder auf und sah neugierig zu uns herüber. Der Fluß war hier nur etwa 20 m breit und würde für den Bären kein nennenswertes Hindernis darstellen. Als er keine Anstalten machte weiterzulaufen, erzeugten wir mit Hochtopf und Trillerpfeife einen höllischen Lärm. Wie zutreffend sich doch die Hinweise in den von mir gelesenen Büchern zum Thema "Begegnungen mit Bären" erwiesen. Mit Lärm kann man recht gut einen Schwarzbären zur Flucht bewegen, einen Grizzly beeindruckt das selten! Auch unser Grizzly war einer von der Sorte, der seine Stärke als uneingeschränkter Herrscher der kanadischen Wälder kannten. Fünf Minuten höchster Anspannung waren vergangen, als der Bär dann doch den Rückzug antrat. Gemächlichen Schrittes verschwand er in den Sträuchern am Ufer. Schon fünf Minuten später sahen wir ihn nochmals unterhalb des Totarmes. In dieser kurzen Zeit hatte er fünfzig Meter zurückgelegt und war zehn Meter durch das Wasser geschwommen. Mit behäbigen Schritten, die garnichts mit einer eiligen Flucht zu tun hatten, lief er am Ufer entlang und schaute immerwieder zurück in unsere Richtung. Ralf war der Meinung, daß es für diesen Tag mit den tierischen Begegnungen reichen würde. Recht hatte er! Zum Abendessen gab es aus Sicherheitsgründen nichts gekochtes. Wir hatten kein Verlangen danach, einen Grizzly zum Essen einzuladen und begnügten uns mit Konserven und Brot. Am nächsten Morgen wollten wir zeitig aufbrechen und uns die ersten Stromschnellen, die etwa 6 km flußab begannen, vornehmen. Trotzdem saßen wir an diesem Abend noch lange am Lagerfeuer. Ralf hatte einen ordentlichen Vorrat Holz gesammelt, um das Feuer über die ganze Nacht hinweg in Gang halten zu können. Derjenige, der in der Nacht aufwachte, mußte nachlegen bzw. das Feuer wieder zum Leben erwecken. |
| 0 km Am Wolfsbau 2.Tag im Camp 2 |
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