01. August 2000, Dienstag - in der Nacht Dauerregen - am Tag sonnig - ca.15 C°
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So gegen 7 Uhr standen wir auf und jeder kümmerte sich um seine Aufgaben.Ralf
rollte die Schlafsäcke und die Matten zusammen und breitete die Außenhaut des
Bergzeltes über einem Busch zum Trocknen aus. Ich kümmerte mich um das Frühstück. Schon in den wenigen Tagen unserer Tour hatten wir erkannt wie gut uns
am Morgen eine große Kanne Kaffee tat.Um nicht alles auf dem offenen Feuer kochen zu müssen, hatten wir einen Propankocher mitgenommen. Er ersparte uns an
jedem Morgen das aufpeppeln des in der Nacht fast ausgegangenen Feuers. In aller Ruhe beluden wir das Kanu und beseitigten alle Spuren, die unsere Anwesenheit verraten hätten. Wir hatten uns vorgenommen, jedes Camp sauber zu hinterlassen. So, als wären wir nie dagewesen. Als wir dann ins Kanu stiegen, wurde mir schlagartig bewußt - heute wird es ernst! Schon im Vorfeld der ersten Stromschnelle hatten wir mehrere Gelegenheiten, großen Felsen im Wasser auszuweichen.Die Strömungsgeschwindigkeit nahm ständig zu und nach etwa 6 km hörten wir schon von weitem das Rauschen des Wassers. Die erste Stromschnelle, bestehend aus mehreren weit aus dem Wasser ragenden Felsen, die dicht nebeneinander liegend drei reißende Kanäle bildeten, konnten wir auf der linken Flußseite gut umtragen. Umtragen heißt natürlich, alles ausladen und die Ausrüstung sowie das Kanu durch den Wald transportieren.In diesem Fall war ein Pfad vorhanden und die Strecke betrug nur etwa 100 m. Nachdem alles wieder eingeladen und verzurrt war, ging die Fahrt auf einem kurzen schnellfließenden Abschnitt weiter. Sehr viele knapp unter der Wasseroberfläche liegende Felsen verlangten uns die ersten komplizierten Manöver ab. Ständig mußten wir den Kurs ändern und von einer zur anderen Flußseite wechseln.Ralf war sehr aufmerksam und gab sein bestes beim Paddeln. Noch war es so, daß ich Zeit hatte ihm zuzurufen auf welcher Seite er paddeln mußte. In unserer Flußbeschreibung war die nächste Stromschnelle bei Niedrigwasser als befahrbar eingezeichnet. Daran war aber nicht zu denken. Die Regenfälle der vergangenen Wochen hatten dafür gesorgt, daß die Wassermassen tosend und hoch aufspritzend über die Felsblöcke donnerten. Dort, wo man bei niedrigerem Wasserstand am Ufer laufen konnte, um das Kanu an gefährlichen Stellen vorbeileinen zu können, hatten wir es jetzt mit reißender Strömung zu tun. An einem gewaltigen Felsen im etwa 30 m breiten Fluß preßten sich die Wassermassen an beiden Seiten mit enormer Geschwindigkeit vorbei und wurden von anderen Felsen auf dem Grund derart aufgewühlt, daß metertiefe Wellentäler entstanden. Uns blieb keine andere Wahl! Das Kanu mußte ausgeladen und die gesamte Ausrüstung 200 m weit durch den Wald getragen werden. Besonders hinderlich war das dichte Unterholz. Umgefallene Bäume, Brombeerhecken, sumpfiger Boden und die allgegenwärtigen Mücken machten uns das Leben schwer. Schon bei der ersten kurzen Portage hatte ich Bärenlosung auf dem dort vorhandenen Pfad entdeckt und sofort mein Bärenglöckchen ans Bein gebunden. Um Ralf nicht zu beunruhigen hatte ich ihm meine Entdeckung nicht mitgeteilt. Auch hier, wo wir uns durch die Büsche schlagen mußten, gab es im Uferbereich wieder die Hinterlassenschaften eines Bären. Ralf hatte sich die Trillerpfeife vorgesucht und trillerte was das Zeug hielt. Abends am Lagerfeuer hat er mir dann gesagt, daß er Bärenlosung gesehen hätte, mich aber mit seiner Beobachtung nicht beunruhigen wollte. Dieses gegenseitige, fürsorgliche Verhalten von uns beiden, haben wir dann kräftig abgelacht. Jeder von uns mußte die Strecke sechs mal schwer beladen gehen. Den Abschluß bildete der Transport des Kanus. Dabei waren die aufblasbaren Sitzkissen eine forzügliche Hilfe. Wir wuchteten das Kanu mit der Öffnung nach unten über uns und klemmten die Sitzkissen zwischen Kopf und den Kanuboden. So konnten wir den Bootskörper mit beiden Händen am Süllrand oder an der Strebe ausbalancieren. Die Last wirkte abgefedert und senkrecht auf die Wirbelsäule. Eine ideale Lösung, die wir noch oft anwenden mußten. Auf den Rückwegen hatten wir immer reichlich Gelegenheit Maronen, Birkenpilze und Rotkappen für unser Abendessen zu sammeln. Es war nun schon spät am Nachmittag als wir unsere Fahrt zur nächsten, etwa einen Kilometerter flußab gelegenen Stromschnelle fortsetzten. Rechtzeitig vor dem tosenden Wasser gingen wir am linken Ufer an Land, um die Verhältnisse zu erkunden. Sehr schnell stand fest, daß wir unsere Ausrüstung wieder tragen mußten. Der Fluß donnerte hier über einen riesigen, knapp unter der Wasseroberfläche liegenden Felsen und hatte vor einer scharfen Linkskurve unzählige Baumstämme zu einem riesigen Haufen aufgetürmt. Im Falle einer Kenterung könnte uns die reißende Strömung unter dieses Wirrwarr von Bäumen drücken und wir wären rettungslos verloren gewesen.Von tötlichen Unfällen dieser Art hatte ich schon gehört. Nach dieser Linkskurve wurde der Fluß etwas breiter und flacher. Dort war der Grund über und über mit Felsen bedeckt.Alle Felsen waren so groß, daß sie gerade so überspült wurden und unzählige Strudel entstehen ließen. Hier war es bei der Fließgeschwindigkeit unmöglich, einen Kurs zu finden ohne mit den Felsen zu kollidieren. Wieder mußte alles ausgeladen und getragen werden. Unsere Kräfte waren auch bald am Ende und es war Zeit ein geeignetes Camp zu finden. Das Ufer nach der Stromschnelle eignete sich leider nicht für ein Camp. Es war steil und stark bewachsen. Obwohl keiner von uns beiden noch Lust hatte weiterzufahren, mußten wir es trotzdem tun. Nach einem Kilometer war dann schon die nächste Stromschnelle. Diese wollten wir heute auf keinen Fall mehr hinter uns bringen. Unmittelbar davor befand sich eine ausreichend hohe kleine Insel. Sie war etwa fünfzig Meter lang, zwanzig Meter breit und mit großen Fichten bewachsen. Auf ihr waren wir auch bei diesem Hochwasser sicher. Da es seit einer Stunde leicht regnete, mußten wir uns zu allem Überfluß auch noch ein Schutzdach mit unserer Plane bauen. Der Rest war Routine! Jeder kannte ja seine Arbeiten. So ausgelaugt wie wir waren, konnte uns jetzt nur noch ein kräftiges Abendbrot aufheitern. Es gab als Vorspeise eine fertige Nudelsuppe mit Fleischklößchen. Danach mehrere Jägerschnitzel mit den gesammelten Pilzen und zur Krönung gerösteten, durchwachsenen Speck. Ein Liter Kaffee und je ein Zigarillo rundete das Essen dann ab. Von unserer Insel aus konnten wir das Wasser der Stromschnelle tosen hören, wußten aber nicht, wie sie aussah und was auf uns zukommen würde. Obwohl es schon 20 Uhr war, ließ mir die Ungewißheit keine Ruhe. Ich mußte Klarheit schaffen! Ich zog meine wasserfesten Sandalen an, krempelte die Hosen hoch und wollte so das linke Ufer erreichen. Was die Tiefe des Flusses zwischen unserer Insel und dem Ufer betraf, hatte ich mich mit meinen hochgekrempelten Hosen total verschätzt. In der Mitte des etwa 15 m breiten Flußarmes stand ich bereits bis zum Gürtel im 10° C kalten Wasser. Der Flußgrund war mit rundgeschliffenen, glatten Steinen bedeckt und jeder Schritt konnte einen Sturz ins Wasser zur Folge haben. Am Ufer war dann Gestrüpp von fast undurchdringlicher Dichte. Nur sehr langsam kam ich vorwärts. Dort, wo die Stromschnelle begann, wurde das Ufer immer steiler und endete dann in einem Canyon mit auf beiden Seiten hoch aufragenden Felswänden. Lange stand ich da und war ratlos. Ein Stück würden wir das Kanu an Bug-und Heckleine am Ufer leinen können. In dem Canyon war das nicht mehr möglich. Dort mußten wir fahren - egal wie! Umtragen, so wie wir es bisher gemacht hatten, war durch die hohen Felsen nicht durchführbar.Es gab keinen anderen Weg! Nach einer Stunde war ich wieder zurück auf unserer Insel. Völlig durchfroren habe ![]() Stromschnelle ich mir sofort trockene, warme Sachen angezogen. Eine Erkältung oder gar Fieber hätten wir uns in dieser Situation nicht leisten können. Mit der ganzen Wahrheit wollte ich gegenüber Ralf bis zum Morgen warten. Sollte er wenigstens gut schlafen können. Bedingt durch den Platzmangel auf der Insel, konnten wir an diesem Abend kein Lagerfeuer machen. Gegen 23 Uhr gingen wir schlafen. Der Boden der Insel war außergewöhnlich dick mit Moosen und Flechten bedeckt und wir lagen so weich wie zu Hause im eigenen Bett. Obwohl die Insel als sicher einzuschätzen war, hatte ich beim Einschlafen doch so manchen beunruhigenden Gedanken. Mir geisterten die Begriffe Wolkenbruch und Wasserhose durch den Kopf. Diese Befürchtungen waren zwar weit hergeholt, aber nicht unmöglich. Der Schlaf war dann aber doch stärker als die Sorgen, die ich mir machte. Wie tot, aber mit Sicherheit nicht lautlos haben wir beide in dieser Nacht geschlafen. |
| 9 km Kleine Insel Camp 3 |
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