02. August 2000, Mittwoch - sonnig und angenehm warm ; 22 C°

Der Tag begann mit blauem Himmel und Sonnenschein. Es war auch etwas wärmer als in den vergangenen Tagen. Nach einem kräftigen Frühstück, den üblichen Küchenarbeiten und dem Abbau des Camps verstauten wir unsere Ausrüstung im Kanu. Mit Seilen und Spannbändern wurde die Ausrüstung gegen Verlust bei einer eventuellen Kenterung gesichert.
Ein kleines, wasserdichtes Faß hatte ich mit einer einen Meter langen Leine versehen, und mir bei der Fahrt an den Gürtel gebunden.In dem Faß waren unsere Wertsachen und Dinge, die man im Ernstfall zum Überleben braucht.
Als ich mir in weiser Voraussicht die noch nasse Hose von meiner gestrigen Erkundungstour anzog, war auch Ralf klar, daß der Ernst der Stunde gekommen war.
Gestern hatten wir nur 9 km zurückgelegt und mußten nun langsam sehen, täglich mindestens 50 km zu schaffen. Bei einer Strecke von etwa 800 km, die noch vor uns lagen, würden wir sonst unseren Flieger verpassen.
Unsere Tagestour begann dann mit dem Durchwaten des linken Flußarms.Das Kanu hatten wir mit Bug - und Heckleine versehen, um es so weit wie es ging am Ufer zu leinen. Ralf lief flußauf und ich voraus. So konnten wir das Kanu immer parallel zur Strömung halten. Plötzlich rutschte Ralf auf dem Geröll im Wasser aus und ließ für einen Moment das Seil durch die Hand gleiten. Als Ralf durch den Stopperknoten am Seilende dieses wieder zu fassen bekam, hatte sich das Kanu bereits quergestellt. Er stand nun wieder sicher und versuchte mit aller Kraft das Heck wieder längs zur Strömung zu ziehen. Das war ein fataler Fehler, der uns beinahe den Verlust der Ausrüstung gebracht hätte. Je mehr er zog um so mehr neigte sich die Bordwand des Kanus zur Wasseroberfläche. Wenn es sich noch fünf Zentimeter geneigt hätte, wäre es vollgelaufen und wir hätten es nicht mehr halten können. Als ich ihm zurief : "Laß gehen!" schaute ich in zwei ratlose Augen, die mich fragten, ob ich das wirklich ernst meine. Er ließ dann das Seil gehen und das Kanu beschrieb mit dem Heck in der Strömung einen Halbkreis. Ich konnte in dem Moment nur hoffen, daß ich nicht umgerissen würde, wenn sich mein Seil straffte. Bevor das passierte, hatte ich mich im Wasser stehend schon so postiert, daß ich den zu erwartenden Ruck abfangen konnte.
Es ging alles gut und wir waren froh unser Kanu noch bei uns zu haben. Nun mußten wir mehrere, etwa einen Meter aus dem Wasser ragende Felsbrocken in unmittelbarer Ufernähe umgehen und das Kanu durch schmale Wasserläufe leinen. Mal waren die Durchlässe sehr schmal und das Kanu verkeilte sich zwischen den Felsen. Dann lief das Boot auf Grund und ließ sich nur mit Gewalt weiterbewegen. Wir standen manchmal bis zum Bauch im Wasser um das Kanu samt Ausrüstung zu ziehen oder zu schieben.
All das geschah in unmittelbarer Nähe der an uns vorbeidonnernden Wassermassen. Man konnte sich durch das Getöse nur schreiend verständigen.
Nachdem wir uns eine Stunde geplagt und 200 m zurückgelegt hatten, kamen wir an die Stelle an der es so nicht weiterging. Das Wasser stand an beiden Ufern bis zu den steil aufsteigenden Felsen. Dort konnte man nicht laufen.
Es gab nur noch eine Möglichkeit - ins Kanu setzen und vorwärts!
In der Flußmitte lagen wieder mehrere große Felsen, die geradeso überspült wurden. Auf der linken Seite ragten mehrere entwurzelte Baumstämme aus dem Wasser. Es gab nur einen Kurs und der mußte uns schräg flußab zur anderen Seite bringen. Dort waren keine Felsen und Baumstämme zu sehen.
Leider war der Abstand von unserem Ausgangspunkt bis zu dem Felsen in der Flußmitte nicht sehr groß.Wenn uns die Strömung so schnell flußab treiben würde, daß wir es nicht schaffen würden dort vorbei zu kommen, könnten wir breitseits gegen den Felsen knallen und unweigerlich kentern.
Wir waren uns der Gefahr bewußt, hatten aber keine andere Wahl!
Ich band mir das Seil vom Wertsachenfaß an den Gürtel, kontrollierte den Verschluß und los ging es.
Wir paddelten wie die Teufel und der Fluß gab sein bestes uns möglichst schnell zu den Felsen zu bringen. Obwohl unser Kurs sehr gut war, sahen wir auf der linken Seite das Unheil immer näher kommen. Plötzlich war mir klar, daß wir den letzten Felsen nicht mehr schaffen würden. Ich änderte schlagartig den Kurs, um das Kanu längs zur Strömung zu bringen und zwischen zwei Felsen hindurch zu fahren.
Das konnte Ralf natürlich nicht erkennen und er paddelte weiterhin so, als ob wir den alten Kurs noch beibehalten könnten. Bei einem sofortigen Seitenwechsel des Paddels hätte der Bug sich schneller gedreht und wir wären glatt durch die beiden Felsen gekommen.
Es gab einige Stöße und schürfende Geräusche und wir fuhren dann mit leichter Schräglage in das Wellental hinter dem Felsen . Bedingt durch das Gewicht des Kanus mit seiner Last, tauchte der Bug kurzzeitig voll unter und schöpfte viel Wasser.
Die Felsen hatten wir hinter uns. Vor uns, auf einer Strecke von 100 m waren noch weitere Felsen im Wasser und auch sie erzeugten tiefe Wellen und Strudel. Noch drei oder vier mal tauchte der Bug unter Wasser und das Kanu war randvoll mit Wasser.
Da das Kanu nun extrem instabil war und jeden Moment umkippen konnte, sprang ich über Bord, um es zu entlasten und zu stabilisierten. Dabei achtete ich sehr darauf, flach im Wasser zu liegen und den Grund nicht zu berühren. Nur so konnte ich verhindern, daß sich ein Fuß zwischen den Steinen verklemmt und die Strömung mich unter Wasser drückt.
Zu meiner Bestürzung sah ich plötzlich neben mir im Wasser das Fischsuppengemüse, Gummistiefel und den halbvollen Faltkanister mit dem Trinkwasser treiben.

Als Ralf sich umdrehte und mich im Wasser sah, stand ihm die Ratlosigkeit ins Gesicht geschrieben.
War er doch zum ersten Mal in einer Stromschnelle und hatte es mit den ungezügelten Kräften des Wassers zu tun. Ich hielt das Boot stabil und er paddelte mit kräftigen Zügen in Richtung Ufer.
Dort angekommen sicherten wir unser "U-Boot" und schöpften es dann mit dem größten Kochtopf aus. Eine längere Verschnaufpause war durch unsere nassen Sachen nicht möglich. Wir mußten den Kreislauf in Gang halten.
Wir befanden uns immernoch in diesem Canyon und die Verhältnisse hatten sich am Ufer nicht geändert.
Unser Standort lag genau am Ende der gerade passierten Stromschnelle. Nun folgte 150 m ruhiges Wasser und dann kamen die nächsten Felsen im Wasser.
Von hier konnten wir nicht erkennen, wie die Stromschnellen aussahen und ob sie überhaupt befahrbar sind. Es gab auch keine Möglichkeit vorher wieder an Land zu gehen. Steile Felsen an beiden Ufern würden jedes Anlegemanöver scheitern lassen.
Wir wollten deshalb versuchen am Ufer bis zur Stromschnelle zu kommen und nahmen das Kanu wieder an die Leine. Ich ging voran, um die Begehbarkeit des Ufers zu erkunden und Ralf sicherte das Kanu mit der Heckleine.
Wir hatten festgelegt, daß sich immer nur einer bewegte und der andere dann einen sicheren Stand haben mußte.
Auf diese Art und Weise waren wir schon ca. 50 m weit gekommen, als ich völlig unerwartet ins "Leere" trat. Bis zum Hals war ich unter Wasser und fand keinen Grund mit den Füßen.
Das Seil glitt mir durch die Hand und erst als ich schon 3 m vom Kanu entfernt war, schloß ich mit aller Kraft meine Hand. Das Seil straffte sich und übertrug den Ruck über das Kanu auf das Seil von Ralf.
Er hatte natürlich mitbekommen, wie ich abgesackte und weggerissen wurde und war vorbereitet. Mit aller Kraft und einem sicheren Stand hielt er das im Wasser treibende Kanu an dessen Ende ich am Seil hing.
Es ist immer wieder verwunderlich, in welch kurzer Zeit das Gehirn in solch einer Situation verschiedene Lösungsvarianten durchspielt. Da gab es für mich nur zwei Möglichkeiten der Notlage zu entkommen.
  1. Ich würde einfach gehenlassen, flußab in ruhiges Wasser treiben und dort an Land schwimmen. Das wäre die einfachste aber schlechteste Lösung gewesen. Da Ralf noch nie ein Kanu gesteuert hatte, wäre er und das Kanu in den Stromschnellen rettungslos verloren gewesen. Wir hätten unsere Ausrüstung komplett verloren.
  2. Ich mußte auf jeden Fall in das Kanu kommen….. koste es was es wolle!
Da hing ich nun schon eine Minute an dem Seil und Ralf hielt mit eisernem Willen fest.Das Wasser strömte mir in Jacke und Hose, blähte diese auf und machte mich noch schwerer als ich war.
Drei vergebliche Versuche hatte ich schon gemacht, mich gegen die Strömung bis zum Kanu zu ziehen. Die Wellen und Strudel drückte mich immerwieder unter Wasser und das Seil begann in meine Hände zu schneiden.
Beim vierten mal mußte die Entscheidung fallen! Es war nur noch ein knapper Meter bis zum Bug des Kanus.
Mit einer gewaltigen Kraftanstrengung zog ich mich bis kurz vor die Bugspitze und griff dann mit einem lauten Schrei hoch zum Tragegriff des Kanus. Endlich hatte ich nicht mehr das dünne Seil in der Hand und konnte mich sicherer festhalten. Ich hievte mich hoch auf das Kanu und ließ mich hineingleiten.
Eine Minute lang mußte ich nach Luft ringen. Ich konnte schlecht abschätzen, wie lange die Aktion dauerte aber Ralf hatte in der ganzen Zeit das Kanu und mich festgehalten als ob alles an einem Baum befestigt war.
Noch heute zolle ich ihm alle Hochachtung für seine Zuverlässigkeit. Nur mit einem Partner auf den man sich so verlassen kann, sind solche Extremsituationen zu bewältigt.
Als ich wieder etwas bei Kräften war stiegen wir ins Kanu und kamen problemlos durch die Stromschnelle in ruhigeres Wasser. Es war nun schon Mittag geworden und wir hatten heute erst 2 km hinter uns gebracht. Den nächsten Abschnitt mußten wir heute auf jeden Fall noch schaffen. Er bestand aus einem ein Kilometer langen Stück voller großer und kleiner Felsen. Obwohl der Fluß hier wesentlich breiter war, ging das Wasser trotzdem bis zum dichten Gestrüpp am Ufer. Wie schön man hier bei Niedrigwasser hätte leinen können!
In der Karte war auf der linken Seite ein Pfad eingetragen, auf dem man die Stromschnelle umgehen konnte. Wir wollten lieber alles tragen, als uns nochmals so zu schinden.
Der Pfad ließ sich eigentlich nur erahnen und wurde immer unsichtbarer. Als wir mit der Kraxe und dem wasserdichten Packsack beladen, einen steilen Anstieg erklommen hatten stellten wir fest, daß wir uns vom Fluß zu weit entfernten.Offensichtlich war das ein Wildwechsel für Elche oder Bären. Wir kehrten wieder um. Weiter unten, kurz vor dem Anstieg fanden wir dann den richtigen Pfad. Ab und zu konnte man sich vorstellen, daß hier schon einmal Menschen langgelaufen sind. Es war eine fürchterliche Strecke. Modriger Untergrund, hohe Farne, Gestrüpp und umgefallene Bäume machten uns das Laufen sehr schwer.
Nach mehr als einem Kilometer erreichten wir den Fluß unterhalb der Stromschnellen. Realistisch betrachtet würden wir einen halben Tag brauchen, um die ganze Ausrüstung und das Kanu so weit zu tragen. Das wollten wir nicht!
Es gab dann nur noch die Möglichkeit, den Fluß und seine Stromschnelle mit dem Kanu zu bezwingen.
Die Packsäcke und die Kraxen ließen wir da, wo wir waren und gingen zurück zum Kanu. Auf dem Rückweg zeichnete ich mir von einem hoch über den Stromschnellen gelegenen Plateau, eine Flußkarte von diesem Abschnitt. Die Lage aller großen Felsen wurden dort markiert und der günstigste Kurs eingezeichnet.
Das Schwimmen im 10° C kalten Wasser, der Kraftakt am Seil hängend und nun noch der beschwerliche Weg hatten mich ziemlich ausgelaugt.
Der Verlust des Wasserkanisters war besonders für mich sehr dramatisch. Wir hatten kein sauberes Trinkwasser mehr und ich lehnte es strikt ab unabgekochtes Wasser zu trinken.
Bei körperlicher Anstrengung neige ich allgemein dazu, viel trinken zu müssen. Die Anstrengungen in den Stomschnellen hatten mich ungeheuer durstig gemacht.
Das Bier war zu diesem Zweck denkbar ungeeignet, da ich befürchten mußte bei den nächsten Stromschnellen durch den Alkohol den Überblick zu verlieren. Wenn ich nicht sofort etwas alkoholfreies zu trinken bekommen hätte, wären wir an diesem Tag keinen Meter mehr weiter gekommen.
So kramte ich den großen Kochtopf und den Propankocher vor und kochte mir Flußwasser ab.
Mit jeder Tasse Wasser kamen dann auch die Lebensgeister wieder zurück. Ein spezielles Pulver gegen Dehydrierung half zusätzlich meine Leistungsfähigkeit wieder herzustellen.
Nach einer Stunde stand ich wieder vollwertig auf den Beinen und wir wollten den folgenden Abschnitt heute noch hinter uns bringen.
Kurzum, wir verzurrten nochmals mit großer Sorgfalt unsere Ausrüstung und setzten unsere Fahrt fort.
Den vom Plateau aus vorbestimmten Kurs mußte ich oft korrigieren, da die Verhältnisse vor Ort doch etwas anders aussahen als von dort oben. Grundsätzlich war es aber der einzige fahrbare Kurs. Am Ende der Felsen und tosenden Strudel hatten wir unser Kanu diesmal nur mit einer halben Ladung Wasser aufgefüllt. Wir gingen dort an Land, wo wir unsere Kraxen und Packsäcke weithin sichtbar am Ufer stehen gelassen hatten.
Es war nun bereits schon 20 Uhr und wir mußten uns schleunigst eine geeignete Stelle für ein Camp suchen.
An relativ ruhigem Wasser fanden wir dann einen Platz, der für eine Übernachtung ausreichte. Bevor wir irgendetwas anderes machten, zogen wir die völlig durchnässten Sachen aus.
Wie schön war es doch, trockene warme Kleidung anziehen zu können. Bei mir handelte es sich allerdings um die letzte Garnitur. Ralf hatte es etwas besser getroffen, bei ihm sind nur die Hosen, Schuhe und Strümpfe so richtig naß geworden.

Stromschnelle
Stromschnelle

Von unserer Ausrüstung hatten wir 3 Gummistiefel, 1 Beutel Kartoffeln, den Wasserkanister, den Kocherständer und das Fischsuppengemüse verloren. Als ich am Seil hing, hatte mir das Wasser das Bärenspray aus der Außentasche meiner Hose gespült und war verloren.
Trotzdem waren wir auch etwas stolz, diese Extremsituation so relativ schadlos bewältigt zu haben. Obwohl Ralf nach dem ersten Vollaufen des Kanus die Situation etwas überbewertete, gab es am ganzen Tag kein Anzeichen von Resignation. Wir und unsere Ausrüstung waren doch eigentlich nur naß geworden. Den Verlust einiger Ausrüstungsteile und die zerschundenen Knochen mußte man einfach als Tatsache hinnehmen.
Spät abends am Lagerfeuer hatten wir uns dann auch schon wieder so gut erholt, daß wir manche Situation des Tages von der heiteren Seite aus betrachteten.

3 km    Bei km 441    Camp 4
 

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