03. August 2000, Donnerstag - sonnig und angenehm warm ; 22 C°

Es war 8 Uhr und die Sonne stand schon hoch am Himmel, als wir aufwachten und die geschundenen Knochen spürten.
Nach dem Frühstück nahm ich mir bei einer großen Tasse Kaffee die Flußkarte vor und wollte ganz einfach wissen, ob es überhaupt noch möglich war Dawson in der uns noch zur Verfügung stehenden Zeit zu erreichen.
In drei Tage auf dem Fluß hatten wir nur lächerliche 47 km geschafft. Bis zum Ziel in Dawson lagen aber noch rund 790 km vor uns.Was auch noch vor uns lag, war das letzte Stück der Stromschnellen und wir wußten nicht, was da noch alles passieren würde.
Im schlimmsten Fall könnten wir unsere Tour in Pelly Crossing, dort wo der Klondike Highway den Pelly River überquert, abbrechen und versuchen nach Whitehorse zu kommen. Bis dorthin mußten wir aber auch noch 441 km fahre. Wenn es so weitergehen würde wie bisher, wäre selbst dieses Ziel unerreichbar.
Wir packten unsere Ausrüstung zusammen und waren mit eisernem Willen bereit, die letzten Stromschnellen zu bezwingen. In der Flußbeschreibung hatte ich gelesen, daß es danach nicht mehr so schlimm sein sollte. Das machte mutig! Wir zogen uns trockene Sachen an und stachen in "See".
Der Fluß war dort nur etwa 30 m breit und die Wassermassen zwängten sich mit hoher Geschwindigkeit durch das relativ schmale Flußbett.
Ralf hatte in den drei Tagen auf dem Fluß, bezüglich seiner Paddeltechnik beachtlich viel dazugelernt. Nur noch in seltenen Fällen mußte ich ihm sagen auf welcher Seite er zu paddeln hatte.
Als wir an eine Stelle kamen, wo der Fluß etwas breiter war und das Wasser ganz flach über große Felsplatten floß, mußten wir an Land gehen um die Verhältnisse zu erkunden.
Zu unserem großen Erstaunen lag doch da am Ufer auf einem flachen Felsen unser Bärenspray und 20 m weiter das Fischsuppengemüse. Vom Kochtopf und den Gummistiefeln war nichts zu sehen. Wäre ja auch etwas zu viel verlangt! Wir trugen unsere Sachen und das Kanu etwa 150 m am Ufer entlang zu einer Stelle, an der das Flußbett wieder schmaler und tiefer wurde.
Auf diesem Flußabschnitt hatte das viele Wasser auch Vorteile. Wir merkten an der Strömung, daß sich zwar Felsen auf dem Grund befanden, diese aber nicht sehr groß waren. Kaum einer ragte aus dem Wasser oder war knapp unter der Wasseroberfläche. Trotzdem erzeugten die Felsen beachtliche Wellen denen wir auszuweichen versuchten.
Nach etwa 3 km waren wir mit unserem schweren Kanu schon so oft mit der Bugspitze eingetaucht, daß es höchste Zeit war ans Ufer zu kommen um das Wasser aus dem Boot zu schöpfen.
Wieder sind wir durch das im Kanu hin und her schwappende Wasser und das von allen Seiten kommende Spritzwasser, naß vom Hut bis zu den Füßen. Unbeirrt trieb es uns vorwärts. Seit zwei Tagen sind wir von früh bis abends ständig durchnässt. Gummistiefel hatten wir keine mehr und beim Leinen am Ufer und im Wasser mußten wir unsere hohen Lederschuhe anziehen, die natürlich besonders schlecht trockneten.
Ralf hat schon mit Halsschmerzen zu tun, die wir mit entsprechende Tabletten, Vitaminpillen und heißem Tee bekämpften.
Nachdem das Kanu wieder trockengelegt war, ging die Fahrt weiter. Mit Schußfahrt und von einer Seite des Flusses zur anderen paddelnd, versuchen wir den tiefsten Wellentälern auszuweichen. Doch der Macmillan wollte sich noch nicht geschlagen geben. Vor uns, auf der gesamten Breite mußten riesige Felsen auf dem Grund gelegen haben. Wir hatten keine Möglichkeit seitlich auszuweichen oder an das Ufer zu kommen. Das Kanu bäumte sich auf der gewaltigen Welle auf um danach in das Wellental einzutauchen. Und es tauchte ein! Als der Bug langsam wieder an die Oberfläche kam, war unser Boot wieder randvoll mit Wasser.
Es half nichts, ich mußte wieder ins Wasser! So, wie gestern stabilisierte ich das Kanu und Ralf paddelte vorne mit allen Kräften, um ohne umzukippen das Ufer zu erreichen.
Die dicht unter dem Wasser befindlichen Steine hatten mir diesmal die Schienbeine blitzblau geschlagen. Durch das kalte Wasser merkte ich es aber nicht gleich, sondern erst abends am Lagerfeuer und in der Nacht.
Nun setzten wir den Schlußstrich unter den heutigen Tag. Rund acht Kilometer hatten wir heute geschafft und laut Karte lagen keine gefährlichen Stromschnellen mehr vor uns. Ich war wiedermal sacknaß und das schöne Wetter lud förmlich zu einem Trocknungstag ein.
Mit einem Kochtopf schöpften wir das Wasser aus dem Kanu und setzten die Fahrt mit der Suche nach einem geeigneten Lagerplatz fort.
Kurze Zeit später fanden wir auf der rechten Flußseite einen schönen Platz für ein Camp. Es war eine riesige Lichtung, die durch einen Waldbrand entstanden war. Nur wenige der verkohlten Bäume standen noch und ihre schwarzen Stämme ließen erahnen, was sich hier vor vielen Jahren abgespielt hatte.
Als wir dort ankamen, war die Lichtung über und über mit unzähligen Blumen in leuchtenden Farben bedeckt.
Ralf ging als erster an Land, um die Eignung des Geländes für ein Camp zu überprüfen. Er war kaum 20 m gelaufen, als unmittelbar vor ihm ein kapitaler Elchbulle von seinem Lager aufsprang und in wilder Flucht das Weite suchte.
Ein Beweis dafür, daß die gelegentlichen Waldbrände tatsächlich für Elche und Wapitis von Vorteil sind. Nur auf solchen Lichtungen haben junge Pflanzen eine Chance zu wachsen und bieten somit großen Pflanzenfressern ausreichend Nahrung.

Ralf-    Prost Whisky
Zum Wohl...es ist geschafft!

Es war so gegen Mittag, als wir unser Lager auf der Lichtung am Fluß aufschlugen. Die Sonne schien vom blauen Himmel und wir behängten sämtliche Sträucher mit unseren nassen Sachen. Außer dem Schlafsack, der Liegematte und einer Notgarnitur hatte ich nichts trockenes mehr zum anziehen. Ralf hatte noch einige Reserven.
Als alles ausgebreitet war, gab es erstmal einen ordentlichen Schluck Whisky. Heute wollten wir uns einmal etwas Ruhe gönnen. Schließlich war das ja unser Urlaub und im Urlaub soll man sich ja auch erholen.
In den beiden letzten Tagen hatten wir ja sogar den Blick für die grandiose Landschaft verloren. Wir waren so mit den Stromschnellen beschäftigt, daß wir die Schönheit des Canyon`s durch den wir fuhren, garnicht richtig sahen.
Hier von unserem Lager aus konnten wir auf der linken Flußseite sehr schön den Gipfel des Mt. Sheldon ( 2114 m) sehen. In näherer Umgebung waren zahlreiche andere namenlose Berge, die auf unserer Karte garnicht eingezeichnet waren. Aus diesen Bergen kamen viele kleine und auch größere Bäche und sie trugen dazu bei, den South Macmillan breiter und breiter werden zu lassen.

Als unsere Sachen in der warmen Sonne trockneten, begann Ralf unser Zelt aufzubauen und ich hatte mir vorgenommen ein köstliches Essen zuzubereiten. Trotz der ständigen Überflutungen des Kanus, hat meine Küchenkiste dem Wasser standgehalten und nichts war verdorben.
Da wir beide gerne Kartoffelpuffer essen, sollte es an diesem schönen Tag Kartoffelpuffer geben. Nicht etwa aus der Tüte! Nein, frische Puffer aus geriebenen Kartoffeln! Zu diesem Zweck hatte ich doch extra ein Reibeisen von zu Hause mitgebracht.Abgesehen vom Reiben der geschälten Kartoffeln war das garnicht so sehr umständlich. Um mir die Fingerkuppen am Reibeisen nicht zu ledieren habe ich einfach einen Handschuh angezogen und los ging es. Es dauerte etwa zwanzig Minuten und die Kartoffeln und eine Zwiebel waren fertig gerieben. An den so entstandenen Teig kamen dann noch zwei Teelöffel Mehl, etwas Salz sowie Eipulver und fertig war die Grundlage für ein köstliches Essen.
Überhaupt hatten wir den Eindruck, daß unsere Malzeiten immer köstlicher wurden, je länger wir hier draußen in der Wildnis waren.
Jedesmal wenn ich die Portionen einschätzen wollte und Ralf fragte, wie groß sein Hunger ist, antwortete er : "Riesig!"
An diesem Tag habe ich erst garnicht gefragt! Aus dem Teig entstanden 16 goldgelbe, knusprige Kartoffelpuffer, die wir mit Zucker oder Apfelmus gegessen haben. Kein einziger ist übriggeblieben!
Was mir nicht so richtig in den Kopf wollte, war die Tatsache, daß nicht ein einziger Lachs im Fluß war. Am Big Salmon River war es vor zwei Jahren zwar auch so, aber langsam könnten sie nun doch eintreffen. Blieb uns weiterhin nur die Hoffnung auf den einsetzenden Lachszug. Es war aber auch höchste Zeit für Bratfisch oder eine Fischsuppe - jetzt wo das Gemüse wieder da war!
Den restlichen Nachmittag verbrachten wir mit faulenzen sowie dem verstauen unserer getrockneten Sachen.
Abends haben wir dann noch am Lagerfeuer gesessen und uns über die Erlebnisse der vergangenen Tage unterhalten.

8 km    Brandlichtung    Camp 5
 

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