04. August 2000, Freitag - erst sonnig, dann bewölkt, 18 C°
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Speziell an diesem Morgen waren wir beide nicht sonderlich gesprächig. Jeder tat
das, was getan werden mußte. Ralf hatte Halzschmerzen und ich blaue, geschwollene
Schienbeine. Unsere Hände waren durch die ständige Nässe und das Führen
des Seils aufgerissen und blutig. An meiner rechten Ferse hatte sich eine Blase gebildet,
die so groß wie die Ferse selbst war. Da die Haut schon abgelöst war, mußte
ich die Wunde mit Pflasterspray desinfizieren, versiegeln und mit breitem Tape vor
mechanischer Beanspruchung schützen. Ralf bekam Halzschmerztabletten, eine
Sonderration Vitamin C und ein Halstuch verpaßt und schon waren wir bestens versorgt. Mit dem Magen voller Kaffee, Wurst- und Marmeladenbroten begann eine weitere Etappe auf unserem Weg nach Dawson City. Laut Karte mußte vor uns noch eine schwierige Stromschnelle kommen, die bei Hochwasser nicht befahrbar ist. Danach würden wir die Bergregionen verlassen und ruhigeres Wasser vorfinden. Dort, wo wir von unserem Camp ablegten, rauschte der Macmillan noch mit Schuß zu Tal. Auf diesem Abschnitt des Flusses war das Hochwasser für uns sehr zum Vorteil. Der Flußgrund war über und über mit Felsbrocken, annähernd gleicher Größe bedeckt. Der Wasserstand war aber so hoch, daß man bis auf wenige Ausnahmen alle Felsen überfahren konnte. Wir fuhren trotzdem äußerst konzentriert, da ab und zu doch ein großer Brocken aus dem Wasser ragte. Bei der Geschwindigkeit, mit der wir fuhren, hätte uns eine Kollision das Kanu kosten können. In den Flußbiegungen nahmen die Auftürmungen von meterhohen Treibholzhaufen ständig zu. Vor ihnen hatte ich persönlich wesentlich mehr Respekt als vor den Stromschnellen. Unter dem Gewirr von ineinander verkeilten Fichtenstämmen samt Wurzeln, konnte man jämmerlich "ersaufen". Soweit es möglich war, hielt ich unser Kanu immer auf sicherem Abstand zu dieser Gefahrenquelle. Nach etwa 10 km sehr flotter Fahrt, hatten wir die vorerst letzte Stromschnelle erreicht. Der Macmillan machte hier eine Rechtskurve und in der Flußmitte ragten Felsen wie eine Barriere aus dem Wasser. Die Wassermassen teilten sich und der Hauptstrom floß nach links, genau auf eine Felswand zu. Dort würden wir unweigerlich dagegen donnern und das Kanu hätte seine letzte Fahrt gemacht. Das wenige Wasser, das rechts an der Barriere vorbeifloß reichte nicht, um dort mit dem Kanu fahren zu können. Wir entschlossen uns auf der rechten Seite zu "Leinen", um dann etwa 100 m flußab im Kanu weiterzufahren. Durch die vielen Felsen und das wenige Wasser an dieser Stelle hatten wir unsere Mühe, das schwere Kanu zu ziehen. Ständig lief es auf oder verklemmte sich und mußte angehoben oder zurückgeschoben werden. Aber wir sagten uns - besser so, als schon wieder naß oder womöglich ein zertrümmertes Kanu. Einen Tag zuvor hatten wir noch bedauert, daß unsere hohen Lederschuhe trotz Sonne nicht getrocknet waren. Nun gut, es hätte auch nichts gebracht. Wir standen ja schon wieder bis zu den Knien im Wasser. Ralf war von seinen modernen Outdoor-Schuhen sehr enttäuscht. Hatte ihm doch der Verkäufer in einem entsprechenden Laden Robustheit und Unzerstörbarkeit der Schuhe zugesichert. Es waren keine schnöden Lederschuhe, sondern Schuhe aus Hightec-Materialien. Tausendfach unter extremen Bedingungen am Nordpol, am Südpol und in der heißen Sonne der Sahara getestet. Selbstverständlich war der Preis von 380,- DM dann angemessen. Beim täglichen Gebrauch zeigten sie dann aber doch erhebliche Mängel. Besonders ärgerlich war ein 4 cm langer Riß im Obermaterial. Ich schwöre seit meiner Tour auf dem Big Salmon River auf die hohen Schnürschuhe der Bundeswehr. Obwohl ich sie im Wasser und an Land sehr strapaziert hatte, wiesen sie außer einigen Kratzern im Oberleder keinerlei Mängel auf. Nachdem wir das Kanu etwa 80 m über Felsplatten und Kies gezogen und geschoben hatten, erreichten wir etwas ruhigeres und tieferes Wasser. Der Fluß ging in eine scharfe Linkskurve und wir wußten nicht, was danach kam. Es hätte ja sein können, daß dann erst die richtige Stromschnelle kam. Die Karte, die uns zur Verfügung stand, war ungenau und oft wußte wir nicht so richtig, wo wir uns tatsächlich befanden. Da rechts und links am Ufer wieder hohe Felswände waren konnten wir den weiteren Verlauf auch vom Ufer aus nicht erkunden. Nur eins wußte ich sehr genau, einen Wasserfall hatte der South Macmillan River nicht! Wir stiegen in das Kanu, paddelten zur Flußmitte und waren sehr wachsam. Bis zur Kurve ging es relativ ruhig voran. Danach hörten wir schon von Weitem das bedrohliche Rauschen, das uns seit Tagen nahende Gafahr angekündigt hatte. Der durch die Felswände entstandene Canon verengte sich immer mehr und die Strömungsgeschwindigkeit nahm rapide zu. Mit bedrohlich schneller Schußfahrt brausten wir in einer Folge von mehreren Rechts-und Linkskurven zu Tal. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn wir mit diesem Tempo gegen eine Felswand gefahren wären. Aber in dem Moment war keine Zeit an etwas anderes zu denken, als an Steuern und Paddeln. Wir kämpften beide mit aller Kraft und hielten das Kanu immer schön längs zur Strömung. Wie auf einer Berg- und Talbahn wurden wir nach oben und nach unten geschleudert. Wenn Ralf in einem Wellental war, befand ich mich gut einen Meter höher als er, um anschließend in das Wellental zu tauchen. Es war, als würden wir einen wilden Bullen reiten. In dieser Situation das Gleichgewicht zu halten, war nicht immer einfach. Leicht hätte man über Bord gehen können. Der Grund des Flusses war offensichtlich ganz anders beschaffen, als weiter oben in den Bergen. Es lagen nicht mehr so gewaltige Felsbrocken im Wasser und folglich entstanden nicht mehr die hohen Abbruchkanten hinter den Felsen. Kein einziges Mal tauchte der Bug unter Wasser und wir blieben oberhalb des Gürtels einigermaßen trocken. Mit beachtlichem Tempo legten wir die unglaubliche Strecke von ca. 50 km zurück. Unglaublich deshalb, weil wir an diesem Tag etwa genau so weit gefahren waren, wie in den vergangenen vier Tagen zusammen. Der Fluß beruhigte sich und schlängelte sich in unendlichen Mäandern durch die Landschaft. Die Berge entfernten sich etwas vom Fluß und machten dem typischen, kanadischen Fichtenwald Platz. Am späten Nachmittag fanden wir einen ausgezeichneten Lagerplatz auf einer hohen Sandbank. Solche Sandbänke entstehen im Frühjahr, wenn der Abfluß des Schmelzwassers durch Eisblockaden behindert wird. ![]() Camp auf einer Sandbank Da man nie weiß, wie das Wetter in den Bergen ist, bevorzuge ich solche Camps. Sollte es dort oben einmal sehr stark regnen, ist man im Tal einigermaßen sicher vor bösen Überraschungen. Wie an fast jedem Abend gab es auch an diesem Abend etwas schönes zu essen. Ralf hatte sich schon wieder Nudeln mit Tomatensoße gewünscht. Bezüglich seiner Vorliebe für Nudelgerichte, war ich von ihm schon zu Hause vorgewarnt worden. Entsprechend hatte ich den Nudelanteil in unserer Verpflegungsliste etwas aufgestockt. Obwohl ich selbst auch gerne Nudeln in allen Variationen esse, hatte ich die Befürchtung, nach dieser Tour keine Nudeln mehr sehen zu können. So gegen 23 Uhr kroch hinter den Bergen langsam die Nacht hervor. Sichtlich erfreut über die heutige Tagesleistung saßen wir noch bis 0:30 Uhr am Lagerfeuer. In der Nacht zog ein Gewitter auf und der starke Wind schüttelte unser Zelt ordentlich durch. Danach begann es zu regnen. |
| 50 km Sandbank Camp 6 |
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