05. August 2000, Samstag - locker bewölkt, kalt, 10 C°

Am Morgen, es war so gegen 5 Uhr, hörte ich draußen sehr ungewohnte Geräusche. Es waren nicht die Biber, die ihren Unmut über unser Eindringen in ihr Revier mit laut klatschenden Geräuschen ausdrückten. Daran hatten wir uns im Laufe der vergangenen Tage schon gewöhnt.
Nein, es waren Schritte im Kies. Erst kaum hörbar, dann Stille. Nach einer Minute angespanntem Lauschen, wieder Schritte, die eindeutig auf unser Zelt zukamen. Im Gedanken sah ich schon einen Grizzly vor unserem Zelt stehen. Es war mir echt mulmig zumute.
Ich weckte Ralf und wir lauschten beide auf das, was da auf uns zukam. Unsere einzige Möglichkeit einen Bären abzuwehren, war das Bärenspray. Wir hatten es von Anfang an nachts immer mit in`s Zelt genommen, weil wir mit solch einer Situation gerechnet hatten.
Sich hier im Zelt zu verkriechen hatte keinen Sinn. Wir konnten nicht sehen was da auf uns zukam und konnten folglich auch nicht reagieren.
Ralf hatte das Bärenspray im Anschlag und ich öffnete langsam den Reißverschluß des Innenzeltes. Draußen waren wieder Schritte zu hören. Diesmal aber so laut, als wäre der "Bär" schon direkt vor dem Zelt.
Nun kam der Reißverschluß des Überzeltes dran. Jetzt wurde es ernst! Langsam, ganz langsam öffnete sich das Zelt. Nur nicht so schnell, damit der "Bär" sich nicht erschrickt und sofort zum Angriff übergeht.Wer in unserer Situation behaupten würde, er hätte keine Angst gehabt, der würde lügen.
Als ich den Zelteingang zur Seite klappte, stand "er" vor uns! Keine 10 m vor dem Zelt! Es war kein Bär, sondern ein kapitaler Elchbulle.
So groß wie ein Pferd, mit zwei gewaltigen Schaufeln auf seinem Kopf, stand er da und sah uns an.
Uns war klar, daß auch ein Elchbulle in bestimmten Situationen aggressiv reagieren konnte. Wir rührten uns nicht von der Stelle und taten garnichts. Er sollte entscheiden, was in den nächsten Minuten passieren sollte.
Nachdem wir uns etwa eine Minute gegenseitig angestarrt hatten, drehte er sich langsam um und trabte gemächlich davon. Er lief in das nahegelegene Dickicht und wir hörten, wie auf dem Boden liegende Äste unter seinen Hufen zerbrachen. Kurze Zeit später schwamm er durch den Fluß, der an dieser Stelle in einem weiten Bogen um unsere Sandbank herum floß.
Da, wo wir gerade standen, haben wir uns erstmal hingesetzt. Was wäre nur geworden, wenn tatsächlich ein Grizzly vor uns gestanden hätte ?

Auf diesen Schreck in früher Morgenstunde, mußten wir uns ganz einfach einen Whisky gönnen.
Das Camp abbauen und Frühstück machen, war wie immer Routine. Als alles im Kanu verstaut war, liefen wir noch über den Platz, um uns zu vergewissern, daß nichts liegengeblieben war. Das nahmen wir immer sehr ernst!
Etwa 5 km flußab kam dann doch noch eine Stromschnelle, die wir aber problemlos hinter uns brachten.
Die Landschaft änderte sich grundlegend. Vor uns lagen unendliche Wälder und die Berge gaben dem Fluß genügend Platz, sich den Weg durch die Täler zu bahnen. Das Wasser hatte nicht mehr den Druck und die Schnelligkeit, wie in den vergangenen Tagen. Zunehmend mußten wir unser Vorwärtskommen mit den Paddeln unterstützen.
Mit einem Problem hatten wir allerdings immer noch zu kämpfen. Die Gummistiefel hatte uns der Fluß genommen, meine Lederschuhe waren naß und Ralf`s teuren Outdoorschuhe waren naß und kaputt. Uns blieben nur noch die robusten Sandalen, die eigentlich für die Zeit im Camp vorgesehen waren.
Bei einer Außentemperatur von nur 10 C° wußten wir schon garnicht mehr wie es ist, wenn die Füße schön warm sind. Dieser Zustand hielt nun schon seit Tagen an und es würde auch noch dauern, bis die Schuhe trocken sein würden.
Ein Wunder, daß wir noch gesund und munter waren. Ralf`s anfängliche Halsschmerzen waren sogar verschwunden. Aber genau genommen, hatten wir ja auch garkeine Zeit zum krank werden! Manche Mäander des South Macmillan waren so stark, daß man durch die Bäume den weiteren Verlauf des Flusses sehen konnte, da fast eine Insel entstanden war. Irgendwann, beim nächsten Hochwasser oder einer Eisblockade, könnte dann die Landzunge durchbrochen und die Erde samt Bäume mitgerissen werden.
Dies ist auch der Grund für die ungenauen Flußkarten. Sie können nicht genau sein, da sich das Wasser alljährlich neue Wege sucht und die Landschaft verändert. Die mitgerissene Erde, der Kies und die Baumstämme bilden dann flußab wieder eine neue Insel oder eine Barriere, die dem Fluß dort eine andere Richtung gibt. Jahr für Jahr ist das so!
Als wir gerade mal nicht paddelten und uns treiben ließen, zappelte auf der linken Seite etwas im Wasser. Es schwamm genau in unsere Richtung. Bei näherem Hinsehen entpuppte es sich als Squirl - die kanadische Form unseres Eichhörnchens. Sicher war es durch einen tragischen Unfall ins Wasser gefallen und schwamm um sein Leben. Ich hielt das Paddel schräg in das Wasser und der Squirl wußte was ich meine. Blitzschnell rannte er auf dem Paddel nach oben in das Kanu, sauste nach vorne zu Ralf, kehrte um und kam auf mich zu. Das ging 2 oder 3 mal so hin und her - dann sprang es wieder ins Wasser. Wir sahen ihm noch nach und hofften, daß es das Ufer sicher erreichen würden.
Zu beiden Seiten des Flusses war jetzt Platz für ausgedehnte Wälder. In der Uferzone handelte es sich um Pappeln, Birken und Erlen. Ansonsten bestand der Wald fast ausschließlich aus den typischen kanadischen Fichten. Sehr schlank im Wuchs, geringer Stammdurchmesser und nicht sehr hoch. All diese Merkmale sind Anpassungen an die langen Winter und die kurze Wachstumsperiode.
Als der Fluß aus einem weiten Bogen heraus in eine der seltenen Geraden überging, stand etwa 300 m vor uns im Wasser ein kapitaler Elch. Heute schien der Tag der Elche zu sein! Da wir heute Morgen in unserem Zelt total überrascht waren und keiner von uns beiden an die Kamera gedacht hatte, wollte ich jetzt unbedingt gute Filmaufnahmen machen. Schnell drehte ich den Deckel vom wasserdichten Faß auf und machte die Kamera aufnahmebereit.
Der Elch stand bis zum Bauch im Wasser und man konnte annehmen, daß er bei der vorhandenen Strömung keine wilden Fluchten wagen würden.
Ich hatte einen Kurs gewählt, der das Kanu 45° Steuerbord zur Fließrichtung und in einem Abstand von etwa 10 m am Elch vorbeitreiben lassen sollte. Als wir uns bis auf 80 m genähert hatten, begann ich zu filmen. Leider hat Ralf in diesem Moment nicht erkannt, daß ich das Kanu bewußt schräg gesteuert hatte, um den Elch rechtzeitig erfassen zu können. Mit einigen kräftigen Schlägen an Steuerbord richtete er das Kanu wieder in Stromrichtung aus und ging mir in voller Breite durch die Aufnahme. Mit einem lauten "Sch……" brach ich die Filmaufnahme ab und kramte nun blitzschnell die Kleinbildkamera vor. Der Elch war anscheinend auch nicht länger bereit stehenzubleiben und stampfte mit festen Schritten in Richtung Ufer. Es gelang mir zwar brauchbare Farbfotos zu machen, ein Ersatz für die verpatzten Filmaufnahmen waren sie aber nicht.

Elch
Elch

Die Stimmung an Bord war nun einige Zeit nicht so besonders gut!
In den folgenden Wochen haben wir fast täglich Elche und deren Nachwuchs gesehen - jedoch nie wieder einen kapitalen Bullen wie an diesem Tag.
Wo wir laut Karte eigentlich waren, konnten wir selten sicher bestimmen. Als wir aber auf der linken Seite die Mündung eines Baches entdeckten, wußten wir, das konnte nur der Riddel River sein. Seine Erscheinung war von der Bezeichnung "River" allerdings sehr weit entfernt. Aber so sind sie nun mal, die Amerikaner - neigen immer zur Übertreibung!
Mit diesem Fixpunkt hatten wir allerdings die Möglichkeit zur genauen Einschätzung der zurückgelegten und vor uns liegenden Entfernungen. Wir stellten allerdings fest, daß wir mit unserer bisherigen Entfernungsschätzung ziemlich genau gelegen hatten. Einige Kilometer mehr oder weniger spielen bei einer Strecke von mehr als 800 km ohnehin keine Rolle.
Sehr erstaunt waren wir, als plötzlich am linken Ufer zwei Blockhütten zu sehen waren. Wir hatten einige Kilometer flußauf zwar schon uralte, verwitterte Reste einer Blockhütte entdeckt, konnten uns jedoch nicht vorstellen wer sich in so großer Entfernung zum nächsten Ort ( bis Pelly Crossing 358 km ) eine Blockhütte bauen würden.
Der Standort der Hütten war sehr gut gewählt. Auf einer zwei Meter oberhalb des Wasserspiegels liegenden Lichtung konnten selbst die höchsten Fluten im Frühjahr keinen Schaden anrichten. Außerdem bildete der Fluß hier eine lange Gerade und würde kaum seine Richtung ändern.
Wir waren natürlich neugierig und legten einige Meter unterhalb des Steilufers an. Selbst dort war das Ufer noch so hoch, daß wir uns fast senkrecht an den Wurzeln der Bäume hochziehen mußten. Wie schon gesagt, es waren zwei Hütten. Die eine war bestimmt schon mehr als 100 Jahre alt. Sie war dekoriert mit Elchschaufeln, Elkgeweihen, verschlissenem Werkzeug, mehreren defekten Bootsschrauben und einem Elchkopf.
Die Tür war nicht verschlossen und wir öffneten sie langsam. Vorsichtig wie wir waren, rechneten wir mit dem Schlimmsten - einer Falle oder irgendeine andere Gemeinheit. Es gab keinerlei Gemeinheiten, aber in der Hütte sah es nicht gerade einladend aus. Sehr unsauber war es dort und überall lag Müll herum.
Obwohl wir uns gerne einmal das Aufbauen des Zeltes erspart hätten, wollten wir dort nicht übernachten.
Die andere Blockhütte stand etwas weiter vom Fluß entfernt und entpuppte sich als Neubau. Höchstens ein bis zwei Jahre alt, mit Glasfenstern, bärensicheren Fensterläden und einer mit Holzfressern verschraubten Eingangstür.
Etwa 30m hinter der Hütte waren dann einige Gestelle zu sehen, die eindeutig zum Aufhängen von Fleisch, Fellen oder Fischen dienten. Andere Gestelle waren überdacht und wurden zum Räuchern genutzt. Ganz offensichtlich gehörte diese Hütte einigen Fallenstellern aus dem Indianerdorf Pelly Crossing. Im Herbst fahren sie mit flachen Aluminiumbooten und Wasserstrahltriebwerken bis hierher um wertvolle Pelztiere und Elche zu jagen.

Trapperhütte, 200 km vor PC
Trapperhütte, 200 km vor PC

Vor der Tür der Hütte lag eine bösartige Erfindung.. Ein 1,5 m mal 1 m großes Nagelbrett. Auch der Größte aller Grizzlys würde garnicht die Gelegenheit haben, mit seiner Kraft und dem Körpergewicht die Tür einzudrücken.
Für uns war das Nagelbrett kein Hindernis, aber die Holzfresser mit 19er Schlüsselweite waren unüberwindbar. Wer hat schon auf solch einer Tour einen 19er Steckschlüssel mit ?
Wir hätten zwar gerne in der Hütte übernachtet und sie auch im gleichen Zustand verlassen, wie wir sie vorfanden, aber offensichtlich wollte man das nicht. Diesen Wunsch haben wir akzeptiert und sind weitergefahren.
Erst gegen 19 Uhr fanden wir auf einer Sandbank gegenüber eines kleinen Wasserfalls ein ordentliches Camp. Alles was noch nicht trocken war kam auf Stöcken neben das Feuer.
Ralf machte das Nachtlager fertig und ich wollte etwas köstliches zum Essen zaubern. Alles konnte es sein - nur nicht schooooonwieder Nudeln!
Es gab Kartoffelbrei mit gebratenen Würstchen und gerösteten Zwiebeln. Das hat köstlich geschmeckt - köstlicher als es zu Hause je schmecken könnte !
Nach der allabendlichen Lagerfeuerromantik waren wir dann innerhalb weniger Sekunden im Zelt eingeschlafen.


68 km    Wasserfall    Camp 7
 

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