06. August 2000, Sonntag - vormittags bewölkt, nachmittags Regen, kalt, 10 C°

Der markante und allgegenwärtige Ruf der Kolkraben hat uns aus einem erholsamen Tiefschlaf gerissen. Es war so gegen 8 Uhr, bei trübem Wetter und Temperaturen um die 10° C.
Beim Anziehen meiner Hose mußte ich erneut feststellen, daß ich trotz guten Essens offensichtlich ständig abnahm. Vor drei Tagen hatte ich bereits ein neues Loch in das Leder meines Hosengürtels gebohrt. Heute mußte ich es wieder tun.

Beim Frühstück entdeckte Ralf am anderen Ufer auf einer abgestorbenen Fichte einen Weißkopfseeadler. Wir hatten zwar schon einige gesehen, so furchtlos wie dieser waren sie aber bisher nicht.
Sicher wartete er genauso ungeduldig wie ich auf die Lachse, die in diesem Jahr einfach nicht kommen wollten. Um den Winter zu überstehen, muß sich auch ein Adler gut bei Kräften halten. Genau wie die Bären, halten sich auch die Adler in der Zeit des Lachszuges gerne an den Flüssen auf. Wenn zwei Monate später der Winter das Land in seinen eisigen Griff nimmt, fliegen die Weißkopfseeadler zum Golf von Alaska. Im Küstenbereich läßt sich auch in der härtesten Jahreszeit etwas freßbares finden.
Dieser Adler jedenfalls, ließ sich durch uns nicht stören und schaute unentwegt zum Wasser.

Das Beladen des Kanus war nach wenigen Minuten erledigt. Jedes Teil hatte seinen Platz und die Ausrüstung brauchte auch nicht mehr ganz so aufwendig verzurrt zu werden.
An diesem Tag hatten wir uns vorgenommen, den Zusammenfluß der North Macmillan und des South Macmillan zu erreichen. Die neuste Kalkulation bezüglich der noch vor uns liegenden Strecke und der verbleibenden Zeit, hatte uns wieder zuversichtlich gemacht. Dawson zu erreichen, war wieder ein sehr realistisches Ziel geworden.
Wir fuhren durch ein weites Tal, das auf der linken Seite von der South Forke Range ( 1986 m ) und auf der rechten Seite vom Mt. Selous (2176 m ) begrenzt wurde. In weiter Ferne konnte man im Westen schon die schneebedeckten Dromedary Mtn. erkennen.
Ab Mittag wurde das Wetter zusehens schlechter und es regnete oft. Zu allem Überfluß, blies uns ein häßlicher, kalter Wind entgegen.
Was uns heute bei dem schlechten Wetter besonders zu schaffen machte, waren die nassen Schuhe. Ralf hatte seine Schuhe zwar angezogen, mußte sich aber damit abfinden, daß sie nicht trocknen würden. Ich hatte meine Schuhe mit Strümpfen ausgestopft und oben auf dem Gepäck zum Trocknen ausgelegt.
Jedesmal wenn es zu Regnen begann, verstaute ich die Schuhe in der Kraxe und steckte meine Füße in einen Plastikbeutel. Nur so war es möglich, mein letztes Paar trockene Strümpfe und die kalten Füße etwas zu schützen.
Das Tal, in dem wir uns befanden, wurde erheblich breiter und die Ufervegetation bestand fast ausschließlich aus Büschen, Sträuchern und jungen Birken. Wir hatten das Mündungsgebiet des South - und des North Macmillan erreicht.
An dieser Stelle wird aus den beiden wilden Gebirgsflüssen der Macmillan River, der 170 km westlich von hier in den Pelly River mündet.
Man sah der Landschaft regelrecht an, was für gewaltige Kräfte im Frühjahr hier wirken. Durch aufgestautes Wasser ist dann das ganze Tal überschwämmt und größere Bäume finden dort keinen Halt mehr.
Auf der Landzunge zwischen beiden Flüssen war schon von Weitem eine Blockhütte zu erkennen. Wir wollten ohnehin eine Pause einlegen und paddelten zu diesem Zweck dort hin.
Auch diese Hütte war bestimmt schon 100 Jahre alt. In typischer Blockbauweise errichtet, die Fugen mit Moos und Lehm abgedichtet und auf dem Dach eine ca. 20 cm dicke, grasbewachsene Erdschicht. Wenn die tragenden Balken des Daches im Laufe der Zeit morsch werden, setzt das enorme Gewicht des mit Erde bedeckten Daches der Existenz der Hütte ein Ende. So war auch bei dieser Hütte die eine Seite des Daches eingebrochen.
Ansonsten war nichts interessantes zu entdecken und wir setzten unsere Fahrt fort.
Vor uns bauten sich am Himmel bedrohliche, fast schwarze Wolken auf. In rasender Geschwindigkeit wurde es dunkler. Man hätte glauben können, der Weltuntergang steht bevor.
Mit großer Eile zogen wir die Plane über unsere Ausrüstung und verzurrten sie mit den dafür vorgesehenen Gummispannbändern. Kaum war das erledigt, wurde aus dem schon vorhandenen Wind ein starker Sturm. Da unsere Hüte nun nicht mehr zu gebrauchen waren, setzten wir die Pudelmützen auf und zogen die Kapuze der Regenkombi über den Kopf. Und dann ging es so richtig los. Wie aus Eimern ergoß sich der Regen über uns. Da der Fluß an dieser Stelle kaum Gefälle hatte, war der Kurs nicht so wichtig. Ich hielt nur ab und zu Ausschau nach den gefährlichen Holzblockaden.

Wolkenbruch
Wolkenbruch

Der Spuk dauerte eine halbe Stunde und das Wetter beruhigte sich so schnell wie es gekommen war. Ab und zu riß sogar die Wolkendecke auf und die Sonne schickte einen Strahl Hoffnung und Zuversicht auf die Erde.
Plötzlich mischte sich in das leise Plätschern des Flusses ein Geräusch, das wir seit Tagen nicht mehr gehört hatten. Es war das Rauschen einer Stromschnelle! Was für eine Stromschnelle ? In der Karte war keine eingezeichnet!
Sofort steuerten wir das Ufer an und gingen an Land. Die Situation mußte von dort aus erkundet werden!
Im Auslauf einer Rechtskurve sahen wir dann die Bescherung. Keine Stromschnelle, wie vermutet, sondern Berge von Holz. Auf einer Länge von 100 m und in der gesamten Breite des Flusses hatten sich unzählige Baumstämme samt Wurzeln derart ineinander verkeilt, daß eine Weiterfahrt unmöglich war.
Nur gut, daß wir die Gefahr rechtzeitig erkannt hatten. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn es uns in dieses Gewirr von Baumstämmen gedrückt hätte. Wir verspürten keinerlei Lust das ganze Zeug zu tragen - es mußte aber sein! Es gab niemanden, der es für uns tun könnte.

Blockade umtragen
Blockade umtragen

Wir bemerkten auch beachtlich viele Bärenspuren im matschigen Boden. Offensichtlich kamen die Bären täglich hierher um festzustellen, ob die Lachse schon da sind. Hier, wo die Lachse Hindernisse zu bewältigen hatten, würden sie leichte Beute machen. Wir schnallten die Bärenglöckchen ans Hosenbein und jeder machte sechs Trägertouren plus Kanutransport, bis alles am freien Wasser lag.
Es war nun schon 18 Uhr und wir mußten bald ein geeignetes Camp finden. An dieser Stelle wäre es allerdings lebensgefählich ein Camp einzurichten. Die Bären würden uns womöglich als Nahrungskonkurenten ansehen und angreifen.
Etwa 20 Uhr war es, als wir eine geeignete Stelle für ein Camp fanden.
Es regnete gerade wiedermal und jeder machte seinen Job ohne ein Wort zu sagen. Gemeinsam schnitten wir drei Stangen aus dem Wald und errichteten mit der Plane das Küchenzelt.
Zu allem Überfluß gab es an dieser Stelle unendlich viele Mücken. Gleich bei unserer Ankunft fielen sie über uns her. Das bei mir gut wirksame kanadische Mückenschutzmittel "Muskol" versagte bei Ralf total. Wie wild schlug er um sich und konnte doch nichts ausrichten. Schon nach kurzer Zeit hatten sie Hände, Hals und Kopf reichlich mit Stichen bedeckt.
Seine letzte Rettung war dann ein gewaltiges Qualmfeuer. Alles was grüne Blätter hatte, kam auf das Lagerfeuer - und das half gegen die Plagegeister.

Qualmfeuer
Qualmfeuer

Wir allerdings stanken anschließend wie zwei Kaminkehrer und wurden den Geruch auch am nächsten Tag noch nicht wieder los. Während Ralf das Feuer in Gang hielt und das Zelt herrichtete, kochte ich für uns einen Riesentopf Haferflockenbrei. Mit dem Rest Apfelmus vom Donnerstag,war das auch ein ordentliches und nahrhaftes Essen.
Am nächsten Abend sollte es wieder was handfestes zwischen die Zähne geben. Zu diesem Zweck kochte ich noch an diesem Abend einen Topf mit Pellkartoffeln, damit sie auskühlen konnten.
Auf ein normales Lagerfeuer hatten wir angesichts der Mücken keine Lust. Die Mückenplage war aber keineswegs so dramatisch, daß wir an dem Abend auf das wohlverdiente Bierchen und ein Zigarillo verzichtet hätten.
So gegen 23 Uhr lagen wir dann im Zelt und sehr weit von uns entfernt, hörten wir mehrere Wölfe heulen.


69 km    Qualmfeuer    Camp 8
 

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