07. August 2000, Montag - blauer Himmel-die Sonne lacht, kühl, 15 C°

Beim Öffnen des Zeltes konnten wir es kaum glauben - die Sonne schien von einem wolkenlosen, blauen Himmel.
Sorgen bereitete uns nur der Wasserstand. Er stieg täglich etwa 2-4 cm, heute waren es aber wesentlich mehr.
Ein am Abend genau an der Wasserlinie in den Boden getriebener Stock stand heute etwa 10 cm unter Wasser. Das war ein eindeutiges Zeichen, daß es in den Bergen wieder ordentlich geregnet haben mußte. Ein weiterer Beweis für diese Vermutung waren die vielen an unserem Camp vorbeitreibenden Baumstämme. Es war also besondere Vorsicht auf dem Fluß und bei der Auswahl des Lagerplatzes geboten.
Bei dem schönen Wetter wollten wir an diesem Tag nicht so lange fahren und uns am frühen Nachmittag ein gutes Camp suchen. Dort sollten Hosen, Jacken, Strümpfe und vor allem die Schuhe in der Sonne trocknen.
Nur etwa 500 m unterhalb unseres gerade verlassenen Lagers fuhren wir an einer kleinen Sandbank vorbei, auf der eine Elchkuh mit ihrem schon recht großen Kalb stand. Beide sahen zu uns herüber, rührten sich aber nicht von der Stelle.
Die Landschaft war einfach bezaubernd. Der Fluß bahnte sich seinen Weg in unendlich vielen Windungen an den Dromedary Mountains vorbei, in Richtung des Mac Arthur Wildschutzgebietes.
Vor uns, keine 50 m entfernt, stand ein Bär am Ufer. Das braune Fell ließ auf einen Grizzly schließen, war aber kein sicheres Erkennungsmerkmal. Wir verhielten uns ruhig und trieben in einem Abstand von 20 m an dem Bär vorbei. Es war ohne Zweifel ein junger Grizzly. Er war erst gut ein halbes Jahr alt und seine Mutter war mit Sicherheit ganz in seiner Nähe.
Mit Sicherheit war das der erste Kontakt des jungen Grizzlys mit seinem einzigen Feind…….dem Menschen!
Wir wünschten ihm, daß er vor allem den Schuß aus einem Gewehr niemals in seinem Leben hören mußte.
Es gab bisher keinen einzigen Tag, an dem wir nicht von der Natur irgendwelche Hindernisse in den Weg gestellt bekamen. So auch an diesem Tag. Die Fließgeschwindigkeit nahm plötzlich zu und vor uns ragten unzählig viele einzelne Baumstämme aus dem Wasser. Sie hatten sich nicht wie üblich in Stromrichtung gelegt, sondern zeigten mit der Spitze auf uns zu. Die Wurzeln waren am Grund verkeilt und ließen den Stamm schräg aus dem Wasser ragen.
Wir kamen aus einer Kurve heraus genau auf diese Stelle zu und konnten weder ausweichen, noch an Land gehen.
Zum Glück war zwischen den Baumstämmen gerade so viel Platz, daß man im Zick-Zack-Kurs hindurch manövrieren konnte. Wir mußten sehr darauf achten, nicht mit der Jacke an einem der Äste hängenzubleiben. Man wäre unweigerlich aus dem Kanu gerissen worden.
Wenn unsere Ortsbestimmung stimmte, mußte laut Karte in nächster Zeit eine Hütte an Ufer zu sehen sein. Wenig später sahen wir sie dann auch am linken Ufer. Leicht hätte man sie übersehen können, da sie recht gut hinter Sträuchern versteckt war.
Soetwas interessierte uns natürlich immer sehr. Konnte ja sein, daß man mal auf einen Einheimischen stößt, der interessantes zu berichten hat.
Um zu verhindern, daß auf uns geschossen wurde, riefen wir dem evtl. anwesenden Bewohner laut zu. Es meldete sich niemand.
Das meterhohe Gras überall, war ein sicheres Zeichen für die fehlende Anwesenheit anderer Menschen. Nirgends war es niedergetreten.
Im Uferbereich lagen drei Aluminiumboote ohne Motoren. Die Hütte selbst war keine Blockhütte, sondern aus Brettern gebaut. Daneben stand auf fünf Meter hohen Baumstämmen eine ca. 2,5 m x 2,5 m große, bärensichere Vorratskammer. Das untere Stück der Leiter zur Eingangstür ließ sich wegnehmen um die Bären am Hochklettern zu hindern.
Die Vorratskammer war natürlich leer. Sie ist für die Zeit gedacht, in der Frost herrscht und das Fleisch so auf natürliche Weise konserviert wird.
Die Hüttentür war offen und wir wollten gerne wissen, wie die Jäger so leben und sich eingerichtet haben.
Innen war alles recht ordentlich.Es war ein Zwischenboden eingezogen, auf dem diverse Werkzeuge lagen.
Unten gab es einen großen gußeisernen Küchenherd und an der Wand hingen riesige Bratpfannen, Kochtöpfe, Schöpflöffel und anderes Küchengerät.
Am einzigen Fenster der Hütte stand ein Tisch und zwei Stühle. Dann waren an der Rückseite zwei aus Brettern gezimmerte Betten. An der dem Küchenherd gegenüber liegenden Wand stand ein großes Regal. In diesem Regal gab es von Vergaserteilen eines Bootsmotors, über Küchengewürze und Gewehrmunition bis hin zum Rasierpinsel alles zu finden.
Nachdem wir gesehen hatten, wie man so als Trapper lebt, verließen wir die Hütte so, wie wir sie vorgefunden hatten.
Auf dem Weg zum Kanu fiel uns ein größerer Kochtopf auf, der über einen Pfahl gestülpt war. Das wäre der richtige Ersatz für unseren in den Fluten versunkenen Kochtopf. Seitdem mußte ich Nudeln und Kartoffeln immer in zwei Portionen kochen, weil die noch vorhandenen beiden Töpfe zu klein waren.
Wenn wir ihn nehmen würden, hätten wir gegen allgemein gültige und für uns besonders wichtige Prinzipien verstoßen. Andererseits war der Topf nicht aus der Hütte und in der Hütte waren noch Töpfe in allen Größen.
Wir gingen zurück und ich schrieb dem Besitzer einen Brief, in dem ich ihm mitteilte, daß wir in einer Notsituation waren und den alten Topf mitgenommen haben. Ich hinterließ meine Anschrift mit der Bitte, mir den Preis für den Topf mitzuteilen, um ihn nachträglich bezahlen zu können. Trotzdem war uns bei der Weiterfahrt nicht so ganz wohl!
Was wir wenige Kilometer flußab zu sehen bekamen, können wir bis heute nicht erklären. Aus der Ferne hielten wir es erst für einen Elch. Dann erkannten wir ein rotbraunes Fell und eine helle Mähne. Das war kein Elch, sondern ein Pferd! Wie kommt ein Pferd in diese Gegend? Bis Pelly Crossing waren es noch gut 200 km. Auf keiner Karte war bis dort ein bewohntes Anwesen eingezeichnet! Auch Waldwege oder Pfade gab es im Umkreis von 200 km nicht.
Sollte es ein Nachkomme verwilderter Hauspferde aus der Zeit des Goldrausches sein ? Folglich müßte es noch viel mehr Pferde hier geben!
Wie aber würden sie die extrem kalten Winter hier in den kanadischen Wäldern überstehen ? Das war praktisch unmöglich. Zu dieser Zeit konnte uns aber niemand eine Antwort auf unsere Fragen geben.

Die Lösung des Rätsels fand ich erst ein Jahr später über Nachforschungen im Internet. Es mußte sich um ein Pferd eines gewissen Koser, wohnhaft in Ross River, gehandelt haben. Er führt von dort aus Jagdtouren mit zahlende Kunden durch. Als Transportmittel für die Jäger und deren Ausrüstung benutzt er Pferde.
Das von ihm gepachtete Jagdgebiet soll sich bis zum Macmillan erstrecken.

Am frühen Nachmittag fanden wir einen ausgezeichneten Lagerplatz auf einer hohen Sandbank.
Die erste Maßnahme war die Errichtung zweier Holzpfosten, zwischen die eine lange Wäscheleine gespannt wurde. So konnten unsere Sachen schön trocknen. Danach kosteten wir die fantastische Lage unseres Camps so richtig aus. Links von unserem Lager erhoben sich die Berge der Wilkinson Range und auf der rechten Seite lag das Mc Arthure Wildschutzgebiet. Dieses Gebiet ist bekannt für seinen Reichtum an Elchen, Dallschafen, Schwarz-und Grizzlybären, Karibous, Wölfen und Stachelschweinen.

Diese Landschaft, diese Ruhe, diese wilde Natur und die Strapazen auf einem Fluß wie diesem, können einen Menschen völlig verändern.
Die einen, zu denen ich mich und auch Ralf zähle, sind fastziniert von dieser Landschaft. Ihnen ist der Blick für die Schönheit der Natur in die Wiege gelegt worden. Sie suchen die Auseinandersetzung mit der Natur und sind glücklich, wenn sie trotz Schwierigkeiten ihr Ziel erreichen.
Vor zwei Jahren am Big Salmon River hatte ich mit meinem Partner diesbezüglich die falsche Wahl getroffen. Mit zunehmender Dauer unserer Tour, verfluchte er den Tag, an dem er sich solchen Strapazen ausgesetzt hatte.
Den Blick für die schöne Landschaft und die wild lebende Tiere, hatte er schon nach wenigen Tagen verloren.

Die Sonne gab sich an diesem Nachmittag alle Mühe unseren Sachen das Wasser zu entziehen. Selbst unsere Schuhe, die seit fünf Tagen naß waren, wurden trocken. Ralf schleppte Unmengen Holz aus dem Wald - ein sicheres Zeichen für einen langen Abend am Lagerfeuer.
Ein Küchenzelt brauchten wir bei dem schönen Wetter nicht und ich bereitete das Essen unter freiem Himmel zu.
Es gab heute, wie schon gestern vorbereitet, Bratkartoffeln mit gerösteten Zwiebeln und gebratenem Schinkenspeck. Diesen leicht gesalzenen Schinkenspeck hatten wir wirklich sehr reichlich mit. Ralf aß ihn auch sehr gerne roh auf einem Butterbrot. Ich hatte das mal versucht und mich dabei beinahe übergeben.
Aber gebraten, mit gerösteten Zwiebeln und Bratkartoffeln war das ein Hochgenuß. Mit prall gefüllten Bäuchen saßen wir dann noch lange am Lagerfeuer und lauschten den Rufen der Wölfe .

Lagerfeuer
Lagerfeuer

68 km     Sandbank     Camp 9
 

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