18. August 2000, Freitag - Nachts Nieselregen, 10°C, am Tag sonnig, wärmer

Der Tag begann vielversprechend! Die Sonne war bemüht sich durch die Wolken zu arbeiten und die Temperaturen waren auch etwas angenehmer als in den letzten Tagen.
Noch vor dem Frühstück haben wir zu Hause angerufen und unsere Ankunft mitgeteilt. Dazu mußten wir mit der Fähre nach Dawson fahren, da es hier im Camp kein Telefon gab. Wir nutzten wieder die Vorzüge des R-Gesprächs und nach wenigen Sekunden hatten wir unsere Verbindung zu unseren Lieben zu Hause.
Am restliche Vormittag wollten wir Wäsche waschen.Um das durchzustehen, mußten wir uns erst bei einem kräftigen Frühstück stärken.
Nachdem der Badeofen angeheizt war, erledigten wir diese unangenehme Arbeit so gut es unter diesen Umständen ging.
Der Nachmittag sollte einem Stadtbummel dienen. Ich kannte mich ja schon recht gut aus. Alles war noch so wie vor zwei Jahren. Selbst die Einrichtung des Food Store hatte sich nicht geändert.
Da wir kein Fahrzeug zur Verfügung hatten und uns die Goldfelder einmal ansehen wollten, buchten wir für den nächsten Tag bei "Gold City Tours" eine der angebotenen Besichtigungsfahrten.
Über die "Boardwalks" ( Fußwegen aus Brettern) schlenderten wir von einem Geschäft zum anderen. Besonders für die vielen Touristen, die im kurzen Sommer mit Bussen hier ankommen, gibt es ein großes Angebot von Souverniers. Natürlich ist alles irgendwie auf das Gold vom Klondike bezogen. Man kann Goldschmuck,
Nuggets oder Goldstaub in allen Variationen kaufen. Dazu kommen Bilderserien mit historischen Aufnahmen, Schnitzereien und die landestypischen Kunstgegenstände.
Wir staunten nicht schlecht, als wir vor einem verräucherten Saloon ein Auto stehen sahen, auf dessen Motorhaube ein prächtiges Elchgeweih samt blutigem Kopf festgebunden war. Sicher war der Jäger gerade dabei, sein Jagdglück ausgiebig zu feiern.

Elchgeweih
Elchgeweih

Nur eine Straße weiter standen wir vor dem weltbekannten Spielcasino "Diamond Tooth Gerties" Gambling Hall und erkundigen uns nach den Öffnungszeiten.
Selbstverständlich konnte man nicht in Dawson sein, ohne die Can Can-Girls gesehen zu haben.
Nach unserem ersten Rundgang durch die Stadt waren wir uns einig, daß es in den nächsten Tagen noch viel zu sehen und zu erleben gab. Mit dieser Gewißheit traten wir den Rückzug in unser Camp auf dem Felsen am Yukon an.
Scott und Chris waren auch eingetroffen. Wir hatten sie gestern unbemerkt überholt, da sie die letzten 96 km nicht so wie wir, auf einen Ritt, gepaddelt waren. Abends setzten wir uns noch zusammen und ein weiteres Pärchen gesellte sich zu uns (Walter und Marianne). Sie waren ebenfalls aus Deutschland und unternahmen in jedem Jahr eine Wildnistour. Ihr Begleiter war ein riesiger Malamut-Husky, der ihnen unterwegs in einigen Nächten Bären und Wölfe in der Nähe des Camps angezeigt hatte.
Jeder erzählte etwas von dem, was er auf seiner Tour erlebt hatte und irgendwann in Zukunft noch erleben wollte. Es war ein lustiger und interessanter Abend.

Dawson City 1. Tag
 
19. August 2000, Samstag - Nachts trocken, 10°C, am Tag sonnig, kühl

Nach einem ausgiebigen Frühstück fanden wir uns bei "Gold City Tours" ein und begannen, zusammen mit einer US-Familie, unsere Fahrt zu den Goldfeldern am legendären Klondike River. Bevor wir dort ankamen, wurde erst noch bei "Guggy Ville", einem außerhalb der Stadt befindlichen Souveniergeschäft angehalten. Als erstes bekam jeder eine Goldwaschpfanne und ein ca. 1 qm großes Wasserbecken zugewiesen. In die Pfanne kam ein halber Eimer Kies und in diesen Kies 3 Gramm Goldstaub. Nun wurde uns gezeigt, wie man diesen Goldstaub aus dem Kies herauswaschen konnte. Wir haben uns wirklich sehr gewundert, wie gut man bei richtiger Handhabung am Ende tatsächlich das ganze Gold in den Rillen der Pfanne wiederfindet. Den gefundenen Goldstaub bekam man in ein winziges Glasröhrchen gefüllt und konnte ihn behalten.
Im Anschluß daran wurde uns im Geschäft gezeigt, worum es hier in dieser Gegend wirklich geht. Es gab Nuggets in allen Gewichtsklassen und das größte bekamen wir sogar in die Hand gelegt. Es kostete 1000 $. Man merkte sehr gut wie schwer es im Verhältnis zu seiner Größe war.
Wir mußten uns bescheideneren Nuggets zuwenden. Im Verhältnis zu den Läden in der Stadt war das Gramm Gold hier etwas günstiger zu bekommen. Wir suchten uns für die Kinder je ein Goldkettchen mit einem kleinen Nugget als Anhänger aus. Mit einer hochmodernen Feinwaage wurde das Gewicht ermittelt und der Preis bestimmt.
Anschließend brachte man uns zur "Dredge Nr. 4", einem Monstrum von Maschine. Mit ihr wurden von 1919-1958 mehrere 100 Tonnen Gold aus dem Kies gewaschen, der in den Jahren zuvor von all den kleinen Minenbesitzern schon durchgesiebt und gewaschen wurde.
Mit ihrer primitiven Technik hatten sie viel Gold zurückgelassen. Diese Dredge baggerte auf einer Seite mittels Eimerkette ( jeder einzelne Eimer wog eine Tonne) den Kies auf. Dieser wurde in Trommelsieben gesiebt und die feinen Bestandteile über Kokosmatten gespült. Dort verfing sich der feine Goldstaub und machte die Besitzer der Dredge unendlich reich.
Das Monstrum zog seine Bahnen durch die Claims, fraß vorne den Kies in sich hinein und ließ am anderen Ende den Abraum fallen. Das Resultat war eine Landschaft mit "Verbrannter Erde". Ein trauriger Anblick!

Dredge Nr. 4
Dredge Nr. 4

Weiter ging die Fahrt zum Discovery Claim am Bonanza Creek.( ursprünglich Rabbit Creek ) Dort wurde, wie bereits erwähnt, am 17. 08.1896 das erste Gold in dieser Gegend gefunden.
An der Stelle, wo sich das zugetragen haben soll, hat man am Ufer des kleinen Baches einen Gedenkstein mit Gedenktafel errichtet.

Gedenktafel am Rabbit Creek
Gedenktafel am Rabbit Creek

Noch bis zum heutigen Tag wird im Gebiet des Klondike und an anderen Nebenflüssen des Yukon, Gold gewaschen. Man kann auf keinen Fall einfach irgendwo seine Waschpfanne vorholen und auf Goldsuche gehen. Das Gebiet rund um Dawson ist weitestgehend in Claims aufgeteilt, die ihre Besitzer haben. Damit die vielen Touristen auch Gelegenheit bekommen, sich im Goldwaschen zu üben und auch welches finden können, hat die Stadt Dawson City den Claim Nr. 6 am Bonanza Creek in eigenem Besitz und gestattet jedem Touristen die uneingeschränkte Suche nach Gold.In der Nähe dieses Claims befinden sich auch zwei Campingplätze, auf denen fast ausschließlich Wohnmobile stehen.
Unsere Tour schlossen wir mit einer Rundfahrt durch Dawson ab. Unsere junge, von den hiesigen Ureinwohnern abstammende Führerin ( Lolita), zeigt uns alle Gebäude, die von Interesse sind. Zum Schluß bleibt nur festzustellen, daß sich die Tour gelohnt hat und sehr empfehlenswert ist.
Auf dem Rückweg zum Camp nahmen wir aus dem Store u.a. auch frische Eier mit, denn es sollte heute Bratkartoffeln mit Spiegeleiern geben. Unter den eingekauften Lebensmitteln befand sich auch ein kleines Glas Erdnußbutter. Ich hatte schon oft in Filmen gesehen, daß die Amerikaner diese Spezialität mit Genuß essen. Wir wollten es auch einmal probieren!
Nachdem wir mit großem Genuß die Bratkartoffeln und die Spiegeleier verputzt hatten, waren wir wieder voller Tatendrang. Es war erst 14.00 Uhr und man konnte noch etwas unternehmen.
In Dawson hatten wir eine Autovermietung ausfindig gemacht und wir faßten den Entschluß, uns ein PKW zu mieten und am nächsten Tag in den etwa 260 km entfernt gelegenen Ort Eagle zu fahren. Eagle ist ein kleiner Ort mit etwa 150 Einwohnern und einer großen Geschichte.

Es war im Jahre 1902, als sich der Norweger Roald Amundsen mit einem umgerüsteten Heringsfänger auf die Suche nach Nord-West-Passage machte.
Am 26. August 1905 sichtete die Mannschaft einen Walfänger, dessen Heimathafen San Francisco war.
Nach einem Positionsvergleich beider Kapitäne war die Sensation perfekt. Beide Schiffe befanden sich in der Beaufort See! Amundsen hatte die Passage vom Nordatlantik zum Bering Meer und somit zum Pazifik gefunden.
Um seine große Entdeckung aller Welt mitzuteilen, machte er sich mit Skiern auf den Weg zum etwa 800 km von der Küste entfernt gelegenen Ort Eagle, in Alaska.
In Eagle hatte damals die US-Armee das Ft. Egbert errichtet und betrieb die einzige für Amundsen erreichbare Funkstation.
Zur Erinnerung an die Entdeckung der Nord-West-Passage hat man in Eagle ein kleines Museum eingerichtet, in dem die originale Funkstation und historische Dokumentationen ausgestellt sind.
Ab und zu verirrt sich mal ein Bus mit interessierten Touristen nach Eagle und für kurze Zeit kommt Leben in den kleinen Ort.

Bis zu dem kleinen Gewerbebetrieb und dem dort zu findenden Autovermieter "Norcan Rentales", mußten wir ca. 3 km laufen.
Nachdem die Formalitäten erledigt und die äußerst wichtige "Glasbruchversicherung" abgeschlossen war, wollten wir die günstige Gelegenheit nutzen und hinauf zum Midnight Dome fahren. Es handelt sich um einen Berg, dessen Gipfel man auf der Midnight Dome Road erreichen kann.
Dieser markante Berg nördlich von Dawson, erlaubt von seinem Gipfel aus eine beeindruckende Rundumsicht. Ich hatte mir einen Tag zuvor ein Bild von der Gesamtansicht von Dawson gekauft, was von diesem Berg aus aufgenommen wurde.
Diese Aussicht wollten wir uns nicht entgehen lassen. Für unseren gemieteten Pontiac war die kurvenreiche Fahrt hinauf zum Gipfel kein Problem.

Midnight Dome
Midnight Dome

Wir konnten einerseits weit in die Richtung schauen, aus der wir mit unserem Kanu gekommen waren, andererseits ging der Blick dem Yukon folgend, bis nach Alaska hinüber. Dieser Abstecher hatte sich wirklich gelohnt obwohl der Himmel mit seinen dunklen Wolken keine guten Aufnahmen mit der Kamera ermöglichte.
Es war nun schon 20:oo Uhr geworden und wir machten uns auf den Weg zurück zum Camp. Nach dem Abendessen und einem Bad gingen wir etwa 22:oo Uhr schlafen.
Am nächsten Morgen sollte es sehr früh losgehen.

Dawson City 2. Tag
 
20. August 2000, Sonntag - Nachts trocken, 10°C, am Tag sonnig, relativ warm

Als wir an diesem Sonntag aufstanden, lag dichter Nebel über dem Yukon. Im Camp waren wir die einzigen, die schon auf den Beinen waren.
Ohne viel Worte machten wir Frühstück, räumten unsere Hütte auf und verließen das Camp mit unserem gemieteten Auto in Richtung Alaska.
Auf dieser Seite des Yukon Rivers beginnt der Top of The World Highway, der zum Alaska Highway führt. Auch mit den Straßennamen ist man nach amerikanischer Art sehr protzig. Dieser "Top of the World Highway" ist nicht mehr als ein breiter, unbefestigter Waldweg. Er führt auf dem Kamm der Berge in Richtung Alaska und bietet dem Reisenden eine fantastische Aussicht in Richtung Charley Rivers Nationalpark und zum Mt. Harper.
Nach zwei Stunden Fahrt kam uns das erste Fahrzeug entgegen. Es war ein Tanklaster, der sicher Diesel oder Benzin nach Dawson brachte. Am besten ist es, wenn man auf diesen Schotterpisten bei Gegenverkehr so weit es geht nach rechts fährt und stehen bleibt. So kann man die Wucht der entgegenfliegenden Steine reduzieren. Die einheimischen Kraftfahrer geben sich keinerlei Mühe die Steinschlagschäden zu verhindern. Mehrfach gerissene Scheiben oder zerschlagene Scheinwerfer sind bei den "Yukonern" kein Grund zur Beunruhigung.
Auf einer unbewaldeten, windigen Anhöhe erreichen wir die Grenze nach Alaska. Der Grenzposte am Poker Creek bat uns in seine Amtsstube, fragt uns nach dem woher und wohin und nahm jedem von uns 6 $ Einreisegebühr ab. Als Entschädigung bekamen wir einen riesigen Stempel in den Paß gedrückt. Er zeigt einen kapitalen Karibubullen und den Namen des Grenzübergangs "Poker Creek". Nun konnten wir bis zum 19.November in Alaska bleiben.
Unmittelbar nach dem Grenzübergang wurden wir auf einem Schild mit "Welcome to Alaska" begrüßt. Beim Klang dieser Worte verschlug es uns für einen Moment die Sprache. Wir waren jetzt in Alaska! Zwei Ossis, die umgeben von Stacheldraht und Selbstschußanlagen aufgewachsen waren und nichts als die DDR kennengelernt hatten, überquerten nun am Poker Creek die Grenze nach Alaska! Ein unglaublicher Vorgang!

Welcome to Alaska
Welcome to Alaska

Unsere Reise ging weiter an tosenden Gebirgsbächen und Schluchten vorbei bis zum Anwesen von Jack Wade. Dort bogen wir nach rechts auf den Taylor Highway ab und erreichten Eagle nach etwa 5 Std. Fahrt.
In Eagle trafen wir auch wieder auf den Yukon River. Der Ort liegt auf dem Prallhang in einem weiten Bogen hoch über dem Fluß. Uns bot sich ein wunderschönes Panorama.

Ralf am Eagle Rock
Ralf am Eagle Rock

Der Yukon River bei Eagle
Der Yukon River bei Eagle

Außer dem liebevoll gepflegten Roald Amundsen Museum hat Eagle nichts zu bieten. In Erwartung einzelner, ab und zu vorbeikommender Reisebusse, haben kleine Souvenierläden ein beachtliches Angebot von Handwerks-und Volkskunst.
Als wir in einen dieser kleinen Läden kamen, wurden wir freudig und herzlich begrüßt. Mit bayerischem Akzent gestand uns die Besitzerin, daß sie schon auf uns gewartet hat. Wir waren sprachlos!
Sie sagte uns, daß kurz nach unserer Ankunft mehrere ihrer Nachbarn zu ihr gerannt kamen und schworen, deutsche Soldaten in Eagle gesehen zu haben.
Da man die Uniform der Bundeswehr in allen Einzelheiten nicht kannte, hatte man alleine an dem von uns getragenen Bundeswehrhemd zwei Soldaten erkannt. Die deutsche Fahne am Ärmel hatte als Indiz gereicht.
Die Aufregung im Ort war jedenfalls groß. Die Ladenbesitzerin holte gleich ihren Sohn herbei und zeigte ihm die deutsche Fahne auf unserem Hemd. Schau her, sagte sie, das ist die Fahne von dem Land, aus dem die Mama kommt!
Die Frau erklärte uns dann, daß sie 1976 nach Alaska ausgewandert und hier in Eagle hängengeblieben war. Natürlich wollte sie die neuesten Entwicklungen in Old Germany erzählt bekommen und auch sie berichtete von dem oft beschwerlichen Leben hier oben am Ende der Welt.
Im Anschluß an diese lustige Begebenheit gingen wir von den interessierten Blicken der Einwohner verfolgt, zum Roald Amundsen Museum.
Wirklich liebevoll gepflegt, hatte man die ehemalige Funkstation für die Nachwelt erhalten. Die gesamte Einrichtung war im Original vorhanden. An den Wänden hingen historische Bilder aus längst vergangenen Zeiten. Natürlich ganz besonders hervorgehoben wurde der Mann, der Eagle in der Welt so bekannt gemacht hatte. Roald Amundsen war allgegenwärtig.
Etwa 14:oo Uhr traten wir unsere Heimreise an und erreichten unser Camp in Dawson City so gegen 19:oo Uhr. Noch am gleichen Abend brachten wir das Auto zurück zum Vermieter und warfen den Schlüssel und die Papiere in einen speziellen Briefkasten an der Wand des Büros.
Am Abend saßen wir zusammen mit Scott, Christiane, Walter und Marianne am Grillfeuer und wir berichteten über unsere Tour nach Alaska.
Walter und Marianne hatten große Probleme mit ihrer Rückfahrt nach Whitehorse. Bei der Anmeldung ihrer Busfahrkarte hatten sie erfahren, daß Hunde im Yukon Territory nicht in öffentlichen Transportmitteln mitfahren dürfen. Diese Bestimmung betraf auch Taxis.
Da am nächsten Tag kein Bus fuhr, mußte sich Walter mit dem Taxi nach Whitehorse fahren lassen ( 536 km ), dort ein Auto mieten und wieder zurück nach Dawson fahren. Nur so war es möglich, zusammen mit dem Malamut Husky wieder zurück nach Whitehorse zu kommen.
Das Ganze wurde ein sehr teurer Irrtum.
Als es spät abends unangenehm kalt wurde und sich der Yukon unter einem Nebelschleier versteckte, gingen wir müde von den Strapazen des Tages, in unsere Betten.

Dawson City 3. Tag
 
21. August 2000, Montag - Nachts trocken, 10°C, am Tag sonnig, relativ warm

Dieser Montag war der letzte Tag in Dawson, der uns für die Besichtigung von Sehenswürdigkeiten zur Verfügung stand.
Am nächsten Tag mußten wir wieder zurück nach Whitehorse fahren, um dann am Donnerstag den Rückflug nach Hause anzutreten.
Die vergangenen Tage in Dawson waren ja wirklich vollgepackt mit Besichtigungen und Touren und wir nahmen uns deshalb vor, den letzten Tag etwas ruhiger anzugehen.
Als dringendes "Muß" blieb eigentlich nur noch die Blockhütte von Jack London und ein Besuch bei "Diamond Thoos Gertie" übrig.
Nachdem ich zum Frühstück die Erdnußbutter probiert hatte, konnte mir eigentlich an diesem Tag nichts schlimmeres mehr passieren. Etwas ekelhafteres hatte ich bisher noch nie gegessen. Ralf zog es vor, erst garnicht zu probieren.

Mit der Fähre gelangten wir hinüber nach Dawson und schlenderten auf der Queen Street in Richtung Eighth Ave. Jack Londons Hütte ist in Dawson City an der Ecke der Eighth Avenue und der Fifth Street zu finden.
Das Innere, der aus einem einzigen Raum bestehenden Hütte, entsprach genau meinen Vorstellungen, die ich beim Lesen entsprechender Bücher gewonnen hatte. Da gab es einen großen Yukon-Ofen, eine aus Brettern gezimmerte Liege, einen Tisch und einen Stuhl. An den Wänden hingen all die Geräte, die zum Leben in der Wildnis unbedingt erforderlich waren.
Zur Hütte gehörte die übliche, auf hohen Pfählen befindliche Vorratskammer. Dort wurden alle Vorräte bärensicher aufbewahrt.
In einem nebenstehenden Gebäude war eine Sammlung historischer Bilder und Schriftstücke untergebracht, die irgendwie mit dem Goldrausch und Jack London in Verbindung zu bringen waren.Dort konnte der Besucher erfahren wann und wie der berühmte Schriftsteller hier in Dawson gelebt hatte.
Natürlich ist Jack London durch seine Romane vom Leben am Klondike unzertrennlich mit Dawson City verbunden. Gelebt hat der berühmte Schriftsteller hier in Dawson aber nur wenige Tage.

Im Oktober 1897 erreichte Lack London das Gebiet am Klondike. Er überwinterte mit einigen Freunden am Steward River und suchte ein Jahr lang u.a. am Henderson Creek nach Gold.Schwer von Entbehrungen und Skorbut gezeichnet und ohne jemals nennenswertes Gold gefunden zu haben, verließ er schon nach einem Jahr das vermeintliche Eldorado am Klondike. Als Kohleschaufler auf einem Dampfer erreichte er San Franzisco als bettelarmer Mann.
Die Eindrücke, Erlebnisse und gesammelten Erzählungen aus der kurzen Zeit am Klondike waren später die Grundlage für seine Bücher, "Lockruf des Goldes", "Wolfsblut","An der weißen Grenze" usw.
Im Jahre 1936 fand man am Henderson Creek die Blockhütte von Jack London, und transportierte sie nach Dawson City. Aus den Originalbalken und Nachbildungen wurden zwei baugleiche Hütten rekonstruiert und jeweils in San Franzisco und Dawson City aufgestellt.

Jack Londons Hütte
Jack Londons Hütte

In der Third Ave, Ecke Harper Street befindet sich der "Gold Claim"-Giftshop, in dem man preiswert Goldschmuck und andere Souverniers kaufen kann. Ich hatte vor zwei Jahren dort schon sehr günstig eingekauft und wir fanden auch an diesem Tag etwas für die Lieben zu Hause.
Wenn man so durch den Ort läuft, kann man sich sehr gut vorstellen, wie Dawson vor 100 Jahren aussah. Abgesehen von wenigen modernen Gebäuden, wie das Kulturzentrum, die Schule und die Schwimmhalle, hat sich an der Gesamtansicht nicht viel verändert. Fast alle Häuser sind aus Holz gebaut, stehen auf Unterlagen und müssen durch die Auswirkungen des Parmafrostbodens ständig neu ausgerichtet werden. Auch der Baustil ist so geblieben, wie er schon damals war.
Die Straßen sind unbefestigt und sind begrenzt von Boardwalks. Diese aus Brettern bestehenden Fußwege ermöglichen das Laufen bei Regenwetter, wenn sich die Straßen in einen Sumpf verwandeln.
Durchreisende übernachten sehr gerne im "Bonanza Gold Motel". Wenn man länger bleibt und über genügend Geld verfügt, logiert man im "Westmark-Hotel", im "Triple-Hotel" oder im "Downtown-Hotel". Alles Gebäude, die als Kulisse für einen historischen Film verwendet werden könnten.

Westmark Hotel
Westmark Hotel

Downtown Hotel
Downtown Hotel

Nachdem wir auf einer Bank vor einem Eiscafe eine große Portion Eis geschleckt hatten, schlenderten wir in Richtung Dawson City Museum. Es befindet sich in der Fifth Ave und bietet dem interessierten Besucher eine umfassende Sammlung aus der Zeit des Goldrausches.
Zwei Stunden brauchten wir, um uns im Museum und auch in den Außenanlagen all die mühevoll zusammengetragenen Gegenstände und Dokumente anzusehen. Ein sehr empfehlenswerter Besuch!
Bei unserer Stadtbesichtigung trafen wir natürlich auch auf einige Originalgebäude aus den Jahren 1898-1920. Man hatte sie wohl jahrelang vernachlässigt und war gerade dabei, sie vor dem Zusammenbruch zu retten. Jeder einzelne Gebäudeteil hatte sich in eine andere Richtung gesenkt. Keine eizige Wand stand noch im Lot. Dies traf auch für eine uralte Kirche zu. Der Kirchturm hatte eine ganz beachtliche Schlagseite.
Wie schon gesagt, alle Gebäude in Dawson stehen auf Parmafrostboden und müssen jährlich kontrolliert und ggf. mit hydraulischen Hebern an entsprechender Stelle angehoben werden. Deshalb sieht man unter den Häusern diese Unterlagen aus unterschiedlich dicken Brettern.

Älteste Häuser
Älteste Häuser

Älteste Häuser
Älteste Häuser

An dem Eiscafe in der First Ave kommen wir auf dem Rückweg wieder nicht vorbei, ohne eine große Portion Eis zu schlecken.
Wir hatten den Kanadiern eigentlich nicht zugetraut, daß sie so gutes und preiswertes Speiseeis zubereiten können. Man sollte meinen, sie hätten hier oben im hohen Norden im Jahr genug Kälte und Eis.
Da unser gemeinsames Geld aufgefrischt werden mußte und jeder auch Geld für eigene Einkäufe brauchte, gingen wir zum Downtown Hotel, um uns am Geldautomaten Dollars zu holen. Mit der Mastercard war das kein Problem.
Wenn man an guten Landschafts-und Tieraufnahmen und künstlerischem Handwerk interessiert ist, sollte man nicht an der "ART's Gallery" in der 3rd Ave & King St. vorbeigehen. Dort findet der Kenner immer etwas.
Der Abschluß unseres letzten Tages in Dawson City, sollte ein Besuch in "Diamond Tooth Gerties" Gambling Hall sein. Zuvor sollte es aber noch ein kräftiges Abendessen geben. Wir wollten uns nichts selbst kochen, sondern Essen gehen.
Im Downtown Hotel gibt es den "Jack London Grill" und den mußten wir doch noch ausprobieren !
Selbstverständlich waren auch hier die Preise jenseits von "Gut und Böse". Aber es war der letzte Tag und den wollten wir uns etwas kosten lassen.
Was da so in der Speisekarte stand, sagte nicht viel über das aus, was man dann auf dem Teller haben würde. Ein sehr kurzen Text war am Ende mit einem stattlichen Preis versehen. Jeder von uns bestellte sich ein T-Bone Steak mit Kartoffeln. Als man uns das Essen vorsetzte, sahen wir außer einem riesigen Steak, nichts. Der Teller war nur dort zu sehen, wo man ihn zum Transportieren anfassen mußte. Die Beilagen waren unsichtbar.
Das Steak schmeckte vorzüglich, mit den Beilagen hatte man sich nicht viel Mühe gegeben. Hauptaugenmerk lag wahrscheinlich auf dem Steak.

Satt und zufrieden liefen wir auf den Boardwalks der Queen Street in Richtung Fourth Ave. "Gertie's" Spielhalle öffnete 19.00 Uhr und 20:00 Uhr begann die Can Can Show. Nachdem wir je 6 $ Eintritt bezahlt hatten, nahm man uns die Videokamera ab. Es war nicht erlaubt, die Gäste an den Spieltischen zu filmen.
Da ich 1998 nur eine Kleinbildkamera zur Verfügung hatte und niemand etwas dagegen hatte, nahm ich an, es sei nicht verboten zu filmen. Außerdem wollten wir nicht die Spieler filmen, sondern hatten es auf die Can Can Show abgesehen. Nun, es half nichts, wir mußten es hinnehmen.
Über eine Treppe erreichten wir die Galerie, die uns allerbeste Beobachtungsmöglichkeiten bot. Man konnte jeden Spieltisch und die "Einarmigen Banditen" sehen und hatte einen vorzüglichen Blick zur Bühne.
An den Spieltischen saßen fast ausschließlich nur Männer. Die Spielautomaten wurden von den Frauen bevorzugt. Mit den eingetauschten Spielchips in Pappbechern, saßen sie auf hohen Hockern und warfen ein Chip nach dem anderen in den Automat ( Slot Machines). Selten hörte man das Rasseln des Gewinnes in der Fangrinne . Bei den Männern ging es zur Sache. Mit stählernen Blicken saßen sie beim Poker, an den Blackjack Tables oder beim Roulette.
Neben der Bühne stand ein altes Klavier, auf dem ein Mann mit Hingabe die gängigen Saloontitel spielte. Wie es sich gehörte, trug er eine Melone und weiße Armstulpen. In seinem Mund hatte er eine dicke, qualmende Zigarre.
Bis zur Vorstellung der Chan Chan Girls hatten wir genügend Zeit, um das bunte Treiben unten im Saal zu verfolgen.
Punkt 20:00 Uhr hörte der Mann am Klavier vorübergehend auf zu spielen und kündigte die Chan Chan Show an.
Genau so, wie man es in den Westernfilmen zu sehen bekam, spielte sich das Spektakel auch hier ab. Ausnahmslos gut gebaute junge Damen schleuderten die Beine und die Röcke in alle erdenklichen Richtungen. Es gab ständig Strumpfbänder und schwarze Slips zu sehen. Begleitet von markigem Gekreisch vollführten die Damen die tollsten Verrenkungen.
Auch aus dem Saal holten sie sich je einen Tanzpartner und versuchten den originellsten Tänzer zu ermitteln. Der Sieger bekam ein sehr passendes Geschenk. Er durfte sich das Strumpfband seiner Partnerin vom Oberschenkel abstreifen.
Prachtvolle Kostüme und eine gute Choreographie machten die Vorstellung zu einem schönen Erlebnis.

Diamond Tooth Gerties Gambling Hall
Diamond Tooth Gerties Gambling Hall

Chan Chan Show
Chan Chan Show

Nachdem wir einige Gläser Gold Panner Ale ( 0,33 L = $ 5,50 ) getrunken hatten und die Show zu Ende war, machten wir uns auf den Heimweg zum Blockhaus am Yukon.
Wir waren uns einig, daß der Aufenthalt hier in Dawson ein gelungener Abschluß unserer Tour war.

Dawson City 4. Tag