Auf geht’s nach Whitehorse!
Alle Details der Tour waren besprochen, die Ausrüstung stand komplett gepackt
im Keller und unsere Frauen waren fest davon überzeugt (worden), daß uns nichts
passieren konnte - was sollte uns nun noch aufhalten ?
Am 27.07.2000 war der lange ersehnte Tag unserer Abreise gekommen. Das Gepäck nahm den gesamten Kofferraum und einen Teil des Rücksitzes meines Autos in Anspruch. Bevor wir abfuhren, kontrollierten wir anhand einer Checkliste nochmals die Ausrüstung, das Handgepäck, die Ausweispapiere, Geld, Kreditkarten und die Flugtickets. Für alle Fälle hatten wir 3 Std. zuzüglich der Fahrzeit zum Flugplatz Frankfurt am Main eingeplant. Die Fahrt verlief aber ohne Probleme. Das Gepäck war schnell aufgegeben und schweren Herzens entließen uns unsere Frauen in Richtung Wildnis der kanadischen Wälder. ![]() Ralf am Flughafen Der Flug selbst war schon ein großes Erlebnis. Es ist immer wieder erstaunlich, wie gut man doch bei gutem Wetter aus einer Höhe von 11000 m die Erde beobachten kann. Die Flugroute ging über Dänemark, die Ostküste von Großbritannien, Island und Grönland nach Kanada. Besonders beeindruckend waren die riesigen im Meer treibenden Eisberge und auf Grönland die hohen schneebedeckten Berge mit den gut erkennbaren Gletschern. Über die unendlich vielen im Eis eingeschlossenen Inseln Nordkanadas näherten wir uns dem kanadischen Festland. Seit Stunden hatten wir unter uns nur Eis und Schnee gesehen. Als wir die Boothia Halbinsel hinter uns gelassen hatten, überflogen wir die von Sümpfen durchzogene Tundra. Aber schon nach kurzer Zeit hatte sich der kanadische Wald durchgesetzt. In der restlichen Flugzeit bis nach Whitehorse sah man nur noch Wälder, Berge, Seen und Flüsse. Als wir dann den sich durch seine Breite deutlich von den anderen Flüssen unterscheidenden Mackanzie River sahen, wußten wir, daß es nun nicht mehr weit bis zum Ziel unseres Fluges war. Nach über 9 Std. Flug ging unsere Boeing 767 in den Sinkflug über und wir sahen im Landeanflug einzelne Blockhütten am Stadtrand von Whitehorse. Auch den Yukon River, den Swatka Lake und den Staudamm konnte man gut erkennen. Mit einer sauberen Landung erreichten wir den kleinen Flughafen mit seiner für große Flugzeuge ausreichend langen Landebahn. Whitehorse, Hauptstadt des Bundesstaates Yukon TerritoryJa, da waren wir nun in der größten Stadt des Nordwestlichsten Bundesstaates von Kanada. Whitehorse ist keine Landeshauptstadt, wie man sie sich als Europäer vorstellen würde, es ist eher eine verschlafene Provinzstadt. An der Lage der Straßen erkennt man, daß sie wie viele Städte in Kanada und den USA aus dem Boden gestampft wurde. Die vor rund 100 Jahren an Längs-und Querstraßen befindlichen Zelte und Bretterbuden, wurden später durch modernere Häuser ersetzt. Die schachbrettartige Anordnung der auch heute noch größtenteils aus Holz bestehenden Häuser ist erhalten geblieben. Ende des 19. Jahrhunderts war Whitehorse nur eine Zwischenstation der Goldgräber und Abenteurer auf ihrem Weg nach Dawson City. Als dann im Jahr 1900 die White Pass & Yukon Eisenbahnlinie von Skagway nach Whitehorse fertiggestellt wurde, war die Stadt plötzlich zum wichtigsten Versorgungspunkt für die Goldfelder am Klondike geworden. Dampfschiffe transportierten nun die Waren von Whitehorse nach Dawson. Der um ein vielfaches weitere Weg von Skagway, Seattle oder San Franzisco aus über den Golf von Alaska zur Yukonmündung und dann flußauf nach Dawson, hatte kaum noch eine Bedeutung. Aus strategischen Gründen wurde während des 2. Weltkrieges der Straßenbau in Alaska und im Yukon Territory enorm vorangetrieben ( die Japaner hatten zwei Inseln der Aläuten besetzt ). Im Zuge dieser Entwicklung richtete man das Hauptquartier der Highway-Bauaufsicht in Whitehorse ein. Tausende Straßenbauarbeiter, Ingenieure und Händler kamen in die Stadt und die Bevölkerungszahl stieg in kurzer Zeit von 500 auf 8000 Menschen an. In der Rekordzeit von nur 8 Monaten wurden 2455 km Straßen durch die Wildnis getrieben. In dieser Zeit entstand auch der Alaska Highway sowie einige von den Schotterpisten, die es heute den Kanuabenteurern erlauben, entlegene Flüsse zu erreichen. Da der Goldrausch am Yukon nach wenigen Jahren vorbei war und Dawson City als Hauptstadt des Yukon Territorys nur noch etwa 600 Einwohner zählte, wurde am 31. März 1953 Whitehorse zur Hauptstadt erklärt. Die Fläche von Deutschland und Dänemark zusammengenommen, würde ungefähr der Fläche vom Yukon Territory entsprechen. In diesem Gebiet leben aber nur etwa 32 000 Menschen, von denen alleine 22 300 in Whitehorse wohnen. Nennenswert sind dann nur noch Orte wie Dawson City ( 2000 Einw.), Watson Lake (1800 Einw.), ( Mayo 500 Einw.), Atlin ( 400 Einw.) und Beaver Creek (125 Einw.). Wenn man heute durch die Stadt geht, wird man feststellen, daß auch diese hoch oben im Nordwesten Kanadas gelegene Stadt von den "Segnungen" der heutigen Zeit nicht verschont geblieben ist. Es gibt nahezu alles zu kaufen aber der Lebensstandard ist nicht mit dem in Deutschland zu vergleichen. Mag allerdings sein, daß man diesen hier auch nicht anstrebt! Besonders die indianische Bevölkerung leidet unter Arbeitslosigkeit, Identitätsproblemen und Alkoholismus. Unzweifelhaft schlägt heute das Herz des Yukon Territoris hier in Whitehorse. Wie zur Gründerzeit, ist die Stadt der Umschlagplatz für Waren aller Art. In vielen kleinen Geschäften und in großen Supermärkten kann man sich mit allem versorgen, was gebraucht wird. Hunderte von Kilometern müssen die Menschen teilweise bis nach Whitehorse fahren um einzukaufen. Dann werden allerdings Verpackungsgrößen gewählt, die wir zu Hause im Supermarkt nicht finden würden. Ein wichtiger Wirtschaftsfaktor der Stadt ist der Tourismus. Aus diesem Grund bemühte man sich in den letzten Jahren sehr, historische Sehenswürdigkeiten zu restaurieren. Das trifft besonders für das Macpride Museum, den Schaufelraddampfer "SS Klondike", die N.W.M.P.- Station und für das Beringia Museum zu. ![]() SS Klondike Schaufelraddampfer Aber mit wachen Augen kann man auch selbst noch bauliche Überreste aus der Gründerzeit der Stadt entdecken. Hotels und Restaurants findet man im Überfluß. Auch sehr urige Spelunken im Western-Stiel gibt es und man hat dort wirklich das Gefühl John Wayne käme jeden Moment zur Tür herein. Durch den Bau des Alaska Highways und des Klondike Highways war Whitehorse auf dem Straßenweg erreichbar geworden.Auf diesem Weg kommen aber nicht nur Waren in die Stadt, sondern auch viele Touristen aus Kanada und den USA. Insbesondere Wohnmobilisten halten auf dem Weg nach Dawson und Anchorage, gerne in Whitehorse an. Mit dem Bau des Flughafens, auf dem auch Großflugzeuge landen können, war das Tor zum Yukon nun auch für Touristen und Kanuabenteurern aus aller Welt geöffnet. Die Betreuung der Kanufahrer liegt in Whitehorse fast ausschließlich in deutscher Hand. Auswanderer aus Deutschland haben erkannt, daß mit der Ausrüstung der Kanuabenteurer ein Geschäft zu machen ist. Zahlreiche Stützpunkte im Umfeld der Stadt bieten Kanus, Zelte, Kochzubehör, Transportkisten und Tonnen sowie den Transport zu den verschiedensten Einsetzpunkten an. Wer unerfahren ist oder sich eine Tour im Alleingang nicht zutraut, findet auch Angebote geführter Touren auf Flüssen verschiedenster Schwierigkeitsgrade. Whitehorse ist bedingt durch den Flughafen, die ausgezeichneten Einkaufsmöglichkeiten, die große Auswahl an deutschsprachigen Ausrüstern und der günstigen Lage zu den verschiedensten Flüssen, allererste Wahl als Ausgangspunkt für Kanutouren im Yukon Territory. Aus diesem Grund haben wir zur Durchführung unserer Tour auf dem South Macmillan River wieder Whitehorse als Basislager gewählt. Für mich war beim Landeanflug der Anblick des Yukon Rivers und des Swatka Lake nicht mehr neu aber trotzdem aufregend. Ralf sah dies zum ersten Mal und war sehr gespannt auf alles, was jetzt auf ihn zukommen würde. Gleich nach der Landung hatten wir auch schon unser erstes Problem! Wir mußten durch die Zollkontrolle! Es roch förmlich nach Ärger! Schritt für Schritt kamen wir der Dame vom Zoll näher. Ralf hatte sich mit dem Hinweis auf seine fehlenden Englischkenntnisse hinter mir postiert. Dann kam die unausweichliche Frage nach dem Grund unserer Einreise und ob wir Alkohol und Zigaretten einführen wollen. Nun stand ich vor ihr mit 6 Liter Alkohol und ca. 200 Zigarillos im Gepäck. Schon zu Hause hatte ich mir aber fest vorgenommen, einfach nicht die Wahrheit zu sagen. Da wir nicht zum Handeln hierher gekommen waren betrachtete ich mein Gewissen als blütenrein und ich erzählte der netten Dame von unserer geplanten Kanutour in der Wildnis und beantwortete ihre Frage mit: "No Cigarets, no Alkohol"! Ihr darauf folgender Blick in meine Augen sagte mir was sie von dieser Antwort hielt - aber sie ließ uns unbehelligt einreisen. Ralf, den sie garnicht erst fragte, gestand mir später, daß er mich noch nie so unverfroren hatte lügen sehen. Der Spaß ging aber gleich danach weiter.Als wir unser Gepäck vom Band genommen hatten blieb Ralf für einen Moment alleine, da ich einen Transportwagen besorgen wollte. Als ich zurückkam sah ich ihn mit den Armen fuchtelnd vor einer bewaffneten Dame vom Sicherheitsdienst stehen. Mit blütenreinem Ruhlaer Dialekt und dem Hinweis "Nix Gans---Angeln!" , versuchte er ihr zu erklären, daß in dem Futteral Angelruten sind. Mit eindeutigen Bewegungen eines einen Köder auswerfenden Anglers, verdeutlichte er die vorher abgegebene Erklärung. Wortlos gab die Dame vom Sicherheitsdienst den Kontrollversuch auf. Bei der Suche nach einem Taxi war ich sehr gespannt, mit welchem Fahrzeug wir diesmal zum Hotel fahren würden. Vor zwei Jahren hatten wir ein Taxi erwischt, das in Deutschland schon vor 20 Jahren ausgemustert worden wäre. Vorne links gab es keinen Scheinwerfer mehr, am Cockpit baumelte an den Kabeln die Öldruckanzeige, jede einzelne Feder des Sitzes merkte man, der gesamte Kofferraum war mit einer dicken Straßenstaubschicht bedeckt und die ganze Kiste schaukelte wie ein Fischkutter bei Windstärke 4. Mit einem etwas ordentlicheren Taxi als damals, erreichten wir das "River View Hotel" direkt am Ufer des Yukon Rivers. Ralf machte spontan genau das, was ich 1998 auch getan hatte. Er ging runter zum Wasser um mal reinzufassen und den Fluß zu fühlen. Nach der langen Vorbereitung unserer Tour und der Anreise um die halbe Welt war das schon ein bewegender Augenblick. Da ich das Hotel kannte, waren die Anmeldeformalitäten schnell erledigt und wir bekamen unser bestelltes Zimmer. Zwei Tage hatten wir nun Zeit die Verpflegung und die restliche Ausrüstung einzukaufen. Natürlich wollten wir uns auch die Stadt und den Staudamm ansehen. Durch die Zeitverschiebung waren wir zwar heute um 11:10 Uhr in Frankfurt abgeflogen, aber schon 12:15 Uhr, trotz eines 9 stündigen Fluges in Whitehorse angekommen. Somit hatten wir noch den ganzen Nachmittag vor uns und mußten ihn auch nutzen. Es gab noch viel zu tun! Trotz der ganzen Strapaze des Fluges gönnten wir uns im Zimmer nur eine Stunde Erholung. Viel auszupacken gab es nicht, da wir ja auf der Durchreise waren. Nur die Kraxen mußten leer gemacht werden. Sie waren unser Transportmittel für ca. 45 kg Lebensmittel, die im etwa 1 km entfernten Food Store geholt werden mußten. Wir schulterten die Kraxen und holten Lebensmittel im Wert von 69 $ ins Hotelzimmer. Am späten Nachmittag gingen wir ins Hotelrestaurant, um für ein recht mittelmäßiges Abendessen 23 $/ Person zu bezahlen. Danach war Schluß! 18:30 Uhr fielen wir wie tot ins Bett und schliefen trotz der Müdigkeit ziemlich unruhig. Der nächste Tag begann mit einem leicht bewölkten Himmel bei 15° C. Der Koch vom Hotelrestaurant mußte uns die Enttäuschung über das gestrige Essen angesehen haben und legte sich beim heutigen Frühstück voll ins Zeug. Es gab gebratenen Schinkenspeck, Rühreier, gebratene Bockwurst, mehrere Käsesorten, Marmelade und Kaffe ohne Ende. Frisch gestärkt und die Sonne im Herzen, wollten wir nun erst unsere Frauen anrufen und von unserer Ankunft in Whitehorse berichten.Wir nutzten die Möglichkeit über ein R-Gespräch zu telefonieren und hatten keinerlei Probleme. Bis zum Mittag haben wir dann mehrmals die schweren Kraxen vom Food Store zum Hotel getragen. Der Store hatte sich bezüglich der Einrichtung so gut wie nicht verändert und ich konnte mich noch ganz gut daran erinnern wo dieses und jenes zu finden war. Dank unserer zu Hause erstellten Einkaufsliste hatten wir die ca. 45 kg Lebensmittel innerhalb von 3 Stunden eingekauft und ins Hotel transportiert. Zusammen mit dem gestrigen Einkauf kosteten unsere Lebensmittel für die nächsten 4 Wochen insgesamt 264 $ ( 382 DM ) Nun gab es nur noch einige Kleinigkeiten aus dem Universal Store zu besorgen. Vom Jagdgewehr bis zur Stricknadel konnte man dort fast alles bekommen. Wir brauchten u.a. noch Bärenspray, eine Angellizenz, 7 Gaskartuschen, Muscol- Mückenspray und ineinander stapelbare Kunststoffschüsseln mit Deckel. Etwa 13:00 Uhr waren die Einkaufslisten komplett abgehakt und wir hatten die Tourvorbereitung zum Abschluß gebracht. Von nun an wollten wir alles ruhiger angehen und uns viel mehr Zeit lassen einzelne Abschnitte der Reise in angemessenem Rahmen zu feiern. Da wir auf unserer Tour mit vielen Momenten rechneten, die nach Ruhe und Besinnung verlangten, hatten wir schon dementsprechend vorgesorgt. Ralf hatte für besondere Anlässe sündhaft teure schweizer Zigarillos gekauft und für ein Schnäpschen war ja auch gesorgt. Wir gingen zum Ufer des Yukon, setzten uns auf einen Baumstamm und schauten gemütlich qualmend den Strudeln im Wasser nach. Den Nordhäuser Doppelkorn hatten wir in einer Papiertüte versteckt, um nicht wegen Alkoholgenusses in der Offentlichkeit verhaftet zu werden. So saßen wir eine Stunde am Wasser und kamen langsam zur Ruhe. Insgeheim stellte sich wohl jeder von uns die Frage, was uns die kommenden vier Wochen wohl bringen würden! Würden wir auch wieder gesund zurückkommen ? Einiges stand aber an diesem Tag doch noch auf dem Programm. Wir wollten unbedingt noch einen Hut kaufen und zum Yukon-Staudamm fahren. In einem Western-Store bekam ich genau den Hut, den ich mir vorgestellt hatte - mit breiter Krempe, dunkelkelbraun und aus gutem Filz. Ralf fand in seiner Größe nichts passendes, bekam aber dann in einem anderen Laden einen Hut, der ihm gefiel und auch paßte. Der Yukon-Staudamm, der Whitehorse mit Strom versorgt und den Swatka-See bildet, lag ca. 3 km von unserem Hotel entfernt. Wir waren nun wirklich mit den Lebensmitteln im Rucksack schon einige Kilometer gelaufen und entschlossen uns, für die Strecke zum Staudamm Fahrräder zu mieten. Damit der alljährliche Zug der Chinook Lachse durch die unüberwindliche Staumauer nicht unterbrochen wird, hat man keine Kosten gescheut und eine aufwendige Lachsleiter gebaut. Auf einer Länge von ca. 500m können die Lachse über treppenförmig angeordnete, etwa 150 cm lange und 80 cm breite Betontröge einen Höhenunterschied von 50 m überwinden.Diese Lachsleiter wird ständig von einem Ablauf des Stausees mit Frischwasser versorgt und die Lachse überwinden das Bauwerk wie ein ganz normales Hindernis in der Natur. Für naturinteressierte Menschen hat man sich etwas besonders schönes einfallen lassen.Auf halber Höhe der Lachsleiter befand sich ein Ausstellungsraum mit präparierten Fischen, die im Yukon vorkommen. Ein Teil der Lachsleiter führte an diesem Raum vorbei und die vorbeischwimmenden Lachse konnten durch eine Glasscheibe beobachtet werden. Mit einer Lichtschranke wurde die Anzahl der aufsteigenden Lachse ermittelt. Leider war in diesem Jahr der Lachs-Run noch nicht in Gang und das Zählwerk zeigte erst einen Lachs an, der hier vorbeigeschwommen war. Zum Abschluß des Tages gingen wir dann in das "Rip and Steak-House", um ordentlich zu essen.Es gab ein gewaltiges Karibou-Steak, welches außerordentlich gut schmeckte.So gewaltig wie das Steak, war allerdings dann auch der Preis. Jeder von uns mußte 41 $ bezahlen. Vor zwei Jahren hatte ich angesichts des hohen Preises kein Trinkgeld gegeben und wurde mit den Worten "In Canada is the Service not includet!" aufgefordert noch etwas nachzulegen. Diesmal hat jeder gleich freiwillig 2 $ mehr gegeben. Nach dem Gesicht der Kellnerin zu urteilen, waren diese 2 $ aber nicht ausreichend. Im Hotel angekommen, bezahlten wir die beiden Übernachtungen und deponierten all die Sachen, die wir auf der Tour nicht brauchten in einem speziellen Raum. Dieser Aufbewahrungsservice war für Kanuten, die nach ihrer Rückkehr ein Zimmer gebucht hatten, kostenlos und sehr praktisch. Da ich noch wußte wie K.O. man nach der Tour und der 536 km weiten Busfahrt von Dawson nach Whitehorse ist, überprüfte ich sicherheitshalber die Zimmerreservierung für den 23.08.00, unserem geplanten Rückkehrdatum. Alles in Allem hatten wir aus unserer gemeinsamen Kasse schon 570 $ ausgegeben. Aber am nächsten Morgen wurden wir ja abgeholt und zum Macmillan transportiert. Dann brauchten wir lange Zeit überhaupt kein Geld mehr. Obwohl es 23:00 Uhr noch taghell war, gingen wir ins Bett. Wer weiß, wie wir die nächste Nacht verbringen würden. Die lange Fahrt zum South Macmillan RiverDer Morgen begrüßte uns mit blauem Himmel und Sonnenschein.Von der Temperatur konnte man in diesen Breiten nicht mehr als die vorhandenen 15° C verlangen. Im Hotelrestaurant haben wir uns am reichhaltigen Buffet nochmal so richtig die Bäuche vollgeschlagen und anschließend unser ganzes Gepäck und die Lebensmittel in den Empfangsraum des Hotels getragen. Pünktlich 8:30 Uhr hielt ein ganz normaler Toyota-Caravan mit einem Kanu auf dem Dach vor dem Hotel. Es war Jaana, die Frau unseres Ausrüsters. Sie war doch tatsächlich der Meinung, sie würde mit diesem Fahrzeug die Ausrüstung und uns zum Macmillan River transportieren können. Als sie allerdings sah, was wir da alles zusammengetragen hatten, verschlug es ihr die Sprache. Vor 2 Jahren, auf dem Weg zum Einsetzpunkt am Big Salmon River, hatten wir einnen "Dodge Ram" zur Verfügung. Damals gab es keine Transportprobleme. Beim Beladen des Fahrzeugs hatten Ralf und ich große Zweifel unser ca. 500 km entfernt liegendes Ziel zu erreichen. Zumal der Weg dorthin zu 80% über Schotterpisten und Waldwege führte. Es stellte sich auch heraus, daß unser Ausrüster, wie schon vor zwei Jahren, wieder nur eine sehr kleine Pfanne mit niedrigem Rand mitgeschickt hatte. Eine große Pfanne mit hohem Rand ist das wichtigste Kochgeschirr auf einer solchen Tour. Warum begriff das Wolf Schall nun schon zum 2.Mal nicht ? Und nun schickte er seine Frau mit diesem lächerlichen Auto! Als wir uns völlig überladen in Bewegung setzten, hatten die Federn und die Stoßdämpfer keine Funktion mehr. In Kanada betrachtet man solche Situationen nicht mit deutscher Genauigkeit. Als Jaana merkte, daß der Motor brummte und die Räder sich noch drehten, kam auch ihr Lächeln wieder zurück. Wir nahmen uns vor, die Sache mit gleicher Lässigkeit zu sehen. ![]() Eine kurze Rast in der Nähe des Yukon Rivers Unsere Fahrt führte auf dem Klondike Highway, immer dem Lauf des Yukon folgend, bis nach Carmacks. Hier zweigt der Robert Campbell Highway in Richtung Ross River ab. Der Ort Carmacks besteht aus einer Tankstelle, einem General Store, einem Motel und einigen Häusern. Den zum Ort gehörenden Campingplatz am Yukon hatte ich vor zwei Jahren bereits kennengelernt. Zu einem unverschämt hohen Preis kauften wir noch einige Paletten Büchsenbier und setzten anschließend unsere Fahrt in Richtung Ross River fort. Von Whitehorse bis Carmacks waren es 175 km, bis Ross River weitere 185 km. Etwa 30km hinter Carmacks verließen wir den Klondike Highway und bogen nach rechts auf den Robert Campbell Highway ab. Nach 60 km erreichten wir das westliche Ende des Little Salmon Lake. Warum man den See "kleiner Lachssee" nennt, ist schwer zu verstehen. Er ist zwar nur etwa 1 km breit, dafür aber mindestens 30 km lang. Im vorbeifahren sahen wir hinter dem See die Berge der Snowcap Mtn. mit einer Höhe von 1784 m. Die Landschaft war hier genau so, wie man sich Kanada vorstellt. Unendliche Wälder, ständig Seen, Bäche oder Flüsse rechts und links von der Straße und kein Mensch weit und breit. Die ersten 30 km nach Carmacks bestand die Straße noch aus einer sehr groben Bitumen-Auflage, dann begann die Schotterpiste. Eine dicke Schicht Flußkies soll die Straße einigermaßen befestigen, liefert aber gleichzeitig die Steine, die den Autoscheiben zum Verhängnis werden. Im Yukon Territory gibt es kaum noch Fahrzeuge, deren Scheiben nicht in alle Richtungen gesprungen sind. Da wir bei diesen Straßenverhältnissen nur ca. 30-40 km/h fahren konnten, fuhren wir etwa einer Stunde am See entlang und erreichten am Ende des See`s einige Holzhäuser, die auf der Karte als Ortschaft mit dem Namen Little Salmon eingetragen waren. Bis Ross River waren es nun noch 90 km und es blieb keine Zeit in Little Salmon oder Faro anzuhalten. Jaana versicherte uns aber, daß wir in den beiden Orten absolut nichts versäumen würden. Ross River liegt am Ufer des Pelly Rivers und ist gleichzeitig die Kreuzung des Robert Campbell Highways und der Canol Road. Da es bei unserer Ankunft in Ross River anfing zu regnen und die Lage des Ortes eher zweckmäßig als schön war, hatten wir wenig Lust eine längere Rast einzulegen. ![]() Conol Road aus dem Auto Jaana tankte das Auto auf und anschließend tranken wir in einer Art Kiosk einige Becher Kaffee. Beim Tanken hatte Jaana auch erfahren, daß es hier in den Bergen schon seit vielen Wochen fast täglich regnete. Die Canol Road sei total aufgeweicht und man müßte mit Steinschlag aus den Bergen rechnen. Als uns Jaana daraufhin vorschlug, nicht in Richtung Norden zum Macmillan sondern nach Süden zum Big Salmon River zu fahren, haben wir Protest angemeldet und bestanden auf den Transport zum Macmillan River. Wir machten ihr klar, daß sie mit einem geeigneteren Fahrzeug diesen Vorschlag nicht machen müßte. Mit einer kleinen Fähre überquerten wir den Pelly River und setzten unsere Fahrt nach Norden, Richtung Macmillan River fort. Ab jetzt war die Fahrt ein einziger Krampf. Es regnete in Strömen und das Auto schlingerte im Modder hin und her. Als die Berge immer dichter zusammenrückten lagen zunehmend Steine auf dem Weg. Ich kannte ja die Canol Road schon vom Transport zum Big Salmon River und hatte schon bei der Abfahrt berechtigte Bedenken als Jaana mit diesem "Zivielfahrzeug" ankam. Mit dem Zustand der Canoil Road, den wir nun vorfanden, hatten sich meine Zweifel als sehr berechtigt erwiesen. Was wir bei diesem überladenen Fahrzeug am meisten fürchten mußten, war eine aufgerissene Ölwanne. Jaana wußte warscheinlich garnicht, daß ihr Auto eine so empfindliche Stelle hat! Aus Sorge um die Ölwanne stieg Ralf dauernd aus und beseitigte die Felsbrocken auf der Straße. Aber was heißt hier Straße? Die Canol Road war hier keine Straße, sondern ein schlammiger Waldweg auf dem wir noch 150 km fahren mußten. Als auf der linken Seite des Weges der Dragon Lake zu sehen war hielten wir an und machten eine Pause. Die hatten wir uns auch verdient, denn die Fahrt war zur Tortour geworden. Unser Auto sah aus, als hätten wir an einem Motocross-Rennen teilgenommen. Die Farbe des Autos und des Kanus auf dem Dach war nicht mehr zu erkennen. Einen Ort oder einen Menschen hatten wir schon seit Stunden nicht mehr gesehen, dafür nahmen die Elchlosungen auf dem Weg zu. Sicher hatten die Elche unseren Motorn schon von weitem gehört, als Gefahr erkannt und sich in die Büsche geschlagen. Plötzlich sahen wir vor uns auf der linken Seite mehrere Bretterbuden. Eine davon schien sogar bewohnt zu sein, denn Rauch stieg zum Himmel empor. Es handelte sich um Twin Creek, einer winzigen Ansiedlung von Straßenarbeitern, die mit dem Erhalt der Canol Road beschäftigt sind. Ständig müssen umgestürzte Bäume beseitigt und Auswaschungen der Fahrbahn aufgefüllt werden. Eine Arbeit ohne Ende! So gegen 17:00 Uhr entdeckten wir auf der linken Wegseite exakt in Reihe aufgestellte, stark verrostete Militär-LKW´s. Da ich die Karten eingehend studiert hatte und mich mit der Geschichte der Canol Rout auskannte, wußte ich warum diese Fahrzeuge hier in der Wildnis standen. Im 2. Weltkrieg, als aus strategischen Gründen der Alaska Highway gebaut wurde, hatte man auch einen Teil der Straßenbauarbeiter und Soldaten zum Bau der Canol Road eingesetzt. Von Norman Wells, im Bundesstaat Northwest Territory, sollte in kürzester Zeit und mit enormen Aufwand eine Ölpipeline nach Whitehorse gebaut werden. Die für den Bau und die spätere Wartung der Pipeline erforderliche Straße bekam den Namen Conol ( Canadian Oil ) Road. Nach dem Ende des 2. Weltkrieges wendete man sich den weitaus ergiebigeren Erdölvorkommen an der Nordküste Alaskas zu und forcierte den Bau der Erdölpipeline von Prudhoe Bay quer durch Alaska zum Hafen von Valdez am Golf von Alaska. Die Canol Road hatte plötzlich keinerlei Bedeutung mehr und die Bauarbeiten wurden eingestellt.Alle Baufahrzeuge, deren Abtransport teurer war als ihr Restwert, wurden einfach zurückgelassen. Am Macmillan Pass in den Selwyn Mountains endet die Canol Road und führt als Pfad ( Canol Heritage Trail ) bis zum 370 km entfernten Norman Wells. Wir fuhren noch einige Kilometer und kamen an eine Stelle, von der aus man den South Macmillan River gut erreichen konnte. Auf unserer Karte war der Hinweis "VW-Bus" eingetragen. Tatsächlich stand ein alter VW-Bus dort und verschandelt die Natur. Sicher hat er einmal als Transportmittel gedient, um Kanuten zu diesem Einsetzpunkt zu bringen. Auch unter den Kanuten gibt es manchmal die bekannten "schwarzen Schafe". Wir lotsten unseren Toyota vorsichtig bis zu einer kleinen Wiese am Fluß und befreiten das Auto von seiner schweren Last. Jaana telefonierte per Satelitentelefon mit ihrem Mann und teilte ihm unsere Ankunft mit. Nachdem alles ausgeladen war und ich die Vollständigkeit der Ausrüstung überprüft hatte, verabschiedeten wir uns von Jaana. Sie wollte noch bis Ross River zurückfahren und dort im Auto übernachten. Nun standen wir beide hier ganz alleine am Ufer des South Macmillan Rivers. Viele Monate lang hatten wir diesen Moment herbeigesehnt ….. nun war alles Wirklichkeit geworden. |