22. August 2000, Dienstag - Nachts trocken, 10°C, am Tag sonnig, relativ warm

Bis zur Abfahrt des Busses um 11:30 Uhr hatten wir noch einiges zu erledigen. Nach einem ausgiebigen Frühstück mit gebratenem Speck und Spiegeleiern, reinigten wir das wasserdichte Faß und verstauten in ihm alle von Wolf Schall gemieteten Gegenstände. Das Kanu hatten wir schon vor zwei Tagen gereinigt und in den Ständer gelegt. Zusammen mit unserer Küchenkiste kam das Faß, die Paddel und die Schwimmwesten zum Kanu. Mit einem Spezialhänger wollte es Wolf Schall dann zusammen mit anderen Kanus zurück nach Whitehorse holen.
Nachdem jeder seine Kraxe und den Seesack gepackt hatte, brachten wir unsere restlichen Lebensmittel zur Gemeinschaftsküche. Unangebrochene Lebensmittel bekam D. Reinmuth für das Armenhaus der Stadt.
Er fuhr uns dann auch mit unserem Gepäck zur Tankstelle nach Dawson. Dort stand schon Christiane und wartete auch auf den Bus. Scott hatte sich abgesetzt und wollte andere Wege gehen. Wir fragten nicht weiter, da wir diese Lebensphilosophie ohnehin nicht verstanden.
Die Busfahrt war langweilig. Ab und zu hielt der Fahrer an und die Passagiere verschwanden im Wald. Offizielle Haltestellen waren Pelly Crossing und Carmacks. Auf der Fahrt bekamen wir nochmals einen guten Eindruck von der unendlich scheinenden Größe der kanadischen Wälder. Wald, Seen und Flüsse bestimmten stundenlang die Sicht von einem Horizont zum anderen.

1998 erlebte ich auf der Rückfahrt einen riesigen Waldbrand zu beiden Seiten der Straße. Viele Elche und Elks standen damals aus Furcht vor dem Feuer auf der Fahrbahn und versperrten dem Bus den Weg. Der Busfahrer hatte große Sorge, wegen des Feuers und der unerträglichen Hitze nicht weiterfahren zu können. In diesem Fall hätten wir unseren Flieger nach Hause verpaßt. Über Funk bekam er aber die Erlaubnis, die Fahrt fortzusetzen. Der Wind hatte gedreht und schwächte die Gluthitze etwas ab.

Gelegentlich hielten wir an einem einsamen, windschiefen Briefkasten an. Der Busfahrer warf etwas hinein und weiter ging die Fahrt.Offensichtlich wohnte dort in der Gegend ein einsamer Jäger oder Goldschürfer.
Mit den Gedanken waren wir eigentlich schon nicht mehr in Kanada. Das, was wir hier wollten, war vorbei. Da gab es viele schöne Erinnerungen und wenn wir die Chance bekämen, würden wir die Tour auch nochmals angehen. Das war aber unmöglich und deshalb waren wir mit den Gedanken schon zu Hause.
Pünktlich nach Fahrplan, um 21:15 Uhr, trafen wir in Whitehorse ein. Von der Haltestelle bis zum River View Hotel hatten wir mit unserem Gepäck etwa einen Kilometer zu laufen.Von unserer Tour gestählt, machte uns das Tragen der ca. 35 kg schweren Ausrüstung nichts aus.
Selbstverständlich bekamen wir unser bestelltes Zimmer. Ziemlich geschlaucht von der Busfahrt nahmen wir eine heiße Dusche und gingen in's Bett.
Seit ca. 4 Wochen wieder ein richtiges Bett. Weich, trocken und warm!
Bei keinem von uns kann es länger als eine Minute gedauert haben, bis er eingeschlafen waren.

                        Whitehorse
 
23. August 2000, Mittwoch - sonnig, relativ warm

Dieser Tag war ein trauriger Tag. Obwohl wir gerne nach Hause wollten, war uns nicht so richtig wohl in unserer Haut. Würden wir jemals wieder solche Erlebnisse haben können, wie hier in der Einsamkeit der kanadischen Wildnis ? Ist die Natur auch in einigen Jahren noch so, wie wir sie kennen gelernt hatten ? Kann man auch dann noch Bären, Elche, Wölfe, Biber, Weißkopfseeadler und Lachse in freier Natur erleben ?

Nach dem reichhaltigen Frühstück machten wir uns auf den Weg und schlenderten durch die Stadt. Jeder fand noch dieses und jenes Mitbringsel für die Lieben zu Hause.
Da wir vor vier Wochen bei unserem Aufenthalt in Whitehorse nicht viel Zeit hatten, nutzten wir den letzten Tag dazu, einige markante Fotos zu machen. Dazu gehörte eine Aufnahme von der legendären Mounty-Station aus der Zeit des Goldrausches am Klondike und dem Denkmal für die Pioniere des Yukon-Territorys.

Mounty Station
Mounty Station

Ralf am Denkmal
Ralf am Denkmal

Von meinem ersten Aufenthalt in Whitehorse kannte ich noch eine ziemlich üble Kneipe, die aber sehenswert war. An den Wänden hingen alte Gewehre, Fallen und Geräte, die ein Goldgräber früher gebraucht hat. Auch die Gäste im Lokal schienen aus längst vergangenen Zeiten zu kommen.
Wir erklommen die Barhocker und schlürften in Wildwestmanier einige Biere. Die Preise für das Bier waren etwas moderater, als in den besseren Lokalitäten.

In der Wildwest-Kneipe
In der Wildwest-Kneipe

Am späten Nachmittag packten wir unsere Ausrüstung zusammen und legten alles für unseren Heimflug bereit. ( Flugtickets, Paß usw.)
Heute war nun wirklich der letzte Tag am Yukon River. Dieser Tag sollte nicht einfach so verstreichen, sondern einen ordentlichen Abschluß haben.
Bei unserem Stadtbummel hatten wir ein Plakat gesehen, auf dem der Auftritt einer Western-Country-Band für den heutigen Abend angekündigt wurde. Das war genau das Richtige für unsere Abschiedsfeier!
Vorsorglich bezahlten wir unser Zimmer und ließen das Geld, was wir für das Taxi zum Flughafen brauchten, bei unseren Sachen. Die restlichen Dollars wollten wir bei zünftiger Western-Musik auf den Kopf hauen.
Der Saal bestand aus einem ca. 20m langen Tresen, Tischen und Stühlen und einer Tanzfläche. Gäste gab es nur sehr wenige. Einige Damen saßen am Tresen und tranken Mixgetränke oder Bier. Um das ganze Geschehen gut beobachten zu können, setzten wir uns mit dem Rücken zur Wand an den Rand des Saales. Wir saßen kaum, als auch schon nach unseren Wünschen bezüglich der Getränke gefragt wurde. Die Auswahl laut Getränkekarte war groß. Groß waren allerdings auch die Preise!
Kokanee, ein Bier aus Kanada, war "preisgünstig" ( 0,33 L für 5,5 $) und schmeckte auch einigermaßen.
An Whisky oder ein anderes Schnäpschen war aus Kostengründen nicht zu denken! Wir hielten uns am Kokanee fest und fluchten auf die bescheuerten kanadischen Politiker, die diesen Alkoholblödsinn beschlossen hatten.
Die Western-Band war ein Genuß. Alle Musiker verstanden ihr Handwerk. Die Musik erzeugte eine tolle Stimmung, was allerdings nur von uns so gesehen wurde. Die wenigen anderen Gäste saßen völlig unbeeindruckt vor ihren Getränken und ließen sich auch keinen Beifall abringen. Sicher war das alles nichts besonderes für sie oder man war hier nicht so leicht zu begeistern.
Wir klatschten, pfiffen und tranken Kokanee bis wir kein Geld mehr hatten. Leicht angesäuselt machten wir uns auf den Weg zum Hotelzimmer und waren uns einig, einen schönen Abend gehabt zu haben.

Abschied vom Yukon
Abschied vom Yukon

                    Letzter Tag am Yukon
 
24. August 2000, Donnerstag - teils heiter, teils wolkig, 16 °C

Nun war es soweit. 12:15 Uhr ging unser Flug zurück nach Deutschland.
Vom Hotel aus bestellten wir ein Taxi und fuhren zum Flughafen. Bei der Abfertigung vermutete man keinen Alkohol oder Zigaretten bei uns. Alles ging schnell und reibungslos. Unser Flugzeug kam aus Frankfurt und hatte trotz des mehr als 9-stündigen Fluges keine Verspätung. Unter den aussteigenden Passagieren waren einige, denen man ansah, warum sie hierher gekommen waren. Hoffentlich waren sie sich dessen bewußt, daß der Herbst schon begonnen hatte und mit Frost zu rechnen war.

Ralf im Flughafen Whitehorse
Ralf im Flughafen Whitehorse

Einen "kleinen" Umweg mußten wir allerdings noch mitmachen. Die Boeing 767 flog erst mit uns nach Anchorage in Alaska. Dort wurde aufgetankt und weitere Passagiere stiegen zu. Erst dann ging es am Nordpol vorbei auf einer wesentlich nördlicheren Flugrute als beim Hinflug, in Richtung Deutschland.
Stundenlang überflogen wir geschlossenes Eis, streiften nur den Nordosten Grönlands und näherten uns dem Festland von Norwegen.
Am Freitag, dem 25.08.2000, 09:10 Uhr landeten wir pünktlich auf dem Flughafen in Frankfurt am Main.
Ralfs Bruder und sein Vater waren mit einem VW-Bus gekommen, um uns abzuholen. Meine Margrit konnte nicht mitkommen, da die Schule schon begonnen hatte und sie sich mit den wohlerzogenen, lieben Kindern rumärgern mußte.
Ralf's Vater war sichtlich glücklich, daß sein "Kleiner" wieder gesund zurückkam und alles so gut verlaufen war.

Uns waren die Menschenmassen ein Greul. Es würde wohl noch viele Tage dauern, bis wir uns an diese Verhältnisse gewöhnt haben. Im Gedanken würden wir dann sicher sehr oft am South Macmillan River sein.
Als wir vom Flughafen kommend auf die Autobahn in Richtung Kassel fuhren, waren wir gerade zwei Kilometer unterwegs, als wir im Stau standen.
An keinem einzigen Tag unserer Tour in der Wildnis Kanadas war es so langweilig wie an diesem Tag auf der Autobahn.

Wie lange würden wir es wohl aushalten, bis wir dem "Lockruf der Wildnis" nicht mehr widerstehen können und mit der Planung eines neuen Abenteuers beginnen ?

Klaus-Dieter Merbach
Juni, 2003