1. Das Ziel
Der Gedanke, allein auf sich gestellt, weit entfernt von der Zivilisation, die Wildnis
Nordwest Kanadas zu durchstreifen, war schon im Jahr 1998 die Triebkraft für
die aufwendige Vorbereitung meiner ersten Kanutour.
Damals paddelte ich zusammen mit meinem Cousin auf dem Big Salmon River und dem Yukon River bis nach Dawson City. Nur zwei Jahre konnte ich dem Lockruf der Wildnis widerstehen und schon war ich dabei, ein neues Flußabenteuer zu organisieren. Bei meiner ersten Tour hatte ich festgestellt, daß man Ruhe, Einsamkeit und unberührte Natur am besten auf einem der unzähligen Nebenflüsse des Yukon finden konnte.Es galt nun, einen dieser Nebenflüsse zu finden, der meinen Vorstellungen entsprach. Bedingt durch die angebotenen Flugverbindungen von Deutschland nach Kanada stand als Ausgangspunkt Whitehorse, die Hauptstadt des Yukon Territorys, fest. Endziel sollte wieder die legendäre Goldgräberstadt Dawson City sein. Da eine Kanutour auf einem unbekannten Fluß zeitlich schwer kalkulierbar ist, hatten wir 1998 nur noch Zeit, das Städtchen Dawson City kennenzulernen. Am Ende der zweiten Tour wollte ich mir dort die Goldfelder und den Discovery Claim ansehen, wo im August 1896 Georg Washington Carmack, Skokum Jim und Tagish Charly im Rabbit Creek Gold fanden und damit den größten Goldrausch aller Zeiten auslösten. Ein Sprichwort sagt: "Viele Wege führen zum Ziel"! Ich aber mußte nun einen geeigneten Fluß finden, der mich zu meinem Ziel bringen sollte. Warum nicht auf dem Yukon von Whitehorse nach Dawson ?Yu-kann-ah, großer Fluß, wurde der Yukon von den einheimischen Indianern genannt. Sein Wassereinzugsgebiet ist viermal so groß wie Deutschland und von seiner Quelle in der Nähe des Lake Bennet bis zur Mündung in das Beringmeer legt er eine Strecke von 3200 km zurück. Sehr abwechslungsreiche Landschaften säumen seine Ufer und überall stößt man noch heute auf Überreste aus Zeiten, als der Lockruf des Goldes um die Welt ging. Bis in unsere Zeit hinein hat sich der "große Fluß" seinen Reiz auf die Menschen bewahrt. In jedem Jahr kommen Kanuten aus aller Welt und fahren von Whitehorse nach Dawson. Diese Strecke ist historisch gesehen auch die Originalroute, die vor mehr als einhundert Jahren von Trappern, Abenteurern, Goldsuchern, Händlern und Spekulanten genommen wurde, um nach Dawson City zu gelangen. Als die Menschen damals in Whitehorse ankamen, lagen allerdings die größten Strapazen bereits hinter ihnen. In Sagway, einem zu Alaska gehörenden Ort am Pazifischen Ozean, strandeten sie alle, die Einwanderer aus aller Welt. Nur wenige ahnten oder wußten etwas von den Strapazen der mörderischen Tour, die vor ihnen lag. Ausrüstung und Proviant, sogar Pferde, mußten über den Chilkoot Paß am Mt. Foster (2173m ) oder über den White Paß zum auf der anderen Seite der Gebirgskette gelegenen Lake Bennet getragen werden. Unvorstellbare Tragödien spielten sich auf tausenden in das Eis geschlagenen Stufen ab. Der Chilkoot Trail überquerte die Grenze nach Kanada und dort standen die Posten der North West Mounted Police und kontrollierten peinlich genau die Proviantmengen. Für diejenigen, deren Proviant nicht über den kommenden Winter hinaus reichte, war an dieser Stelle der Traum vom Gold ausgeträumt. Denn in Dawson gab es auch für Gold nichts zu kaufen. Am Lake Bennet war in kurzer Zeit eine Zeltstadt entstanden. Mit primitivsten Mitteln wurden Boote und Flöße gebaut, die sehr oft den Stromschnellen des Yukon nicht gewachsen waren. Besonders berüchtigt und gefürchtet waren der Miles Canyon und die Whitehorse Rapids.Die tosenden Wassermassen, deren Schaumkämme wie die wehenden Mähnen weißer Pferde ( White Horses ) aussahen, nahmen viele Menschen mit auf den Grund des Flusses. Am Ende dieser Stromschnellen entstand dann die Stadt Whitehorse, deren Name in den Fluten des Yukon Rivers geboren wurde. Heute befindet sich an Stelle der Whitehorse Rapids ein Staudamm, der dem Fluß den Weg versperrt und den Swatka Lake entstehen ließ. Ab Whitehorse stellen sich den Kanuten aus heutiger Zeit keine großen Hindernisse mehr in den Weg. Bei der Überquerung des Lake Laberge der eine Länge von ca. 50 km hat, sollte man sich immer schön in Ufernähe aufhalten. Plötzlich auftretende starke Winde weiter draußen auf dem See sind schon manchem Paddler zum Verhängnis geworden. Es bleiben dann nur noch die Fife Finger Rapids, die ihren Ruf gefährliche Stromschnellen zu sein, aus alten Zeiten haben. Damals, wie heute, pressen sich die Wassermassen des Yukon durch vier im Fluß stehende Felsenreste eines ehemaligen Wasserfalls. Besonders die schwerfälligen Schaufelraddampfer, die später den Fluß befuhren, hatten sehr oft Kollisionen mit diesen Felsen. Im Laufe der Jahre wurde aber besonders die rechte Durchfahrt mit Sprengungen verbreitert und einigermaßen geübte Wasserwanderer haben an dieser Stelle keine Probleme. Schon nach dem Lake Laberge ist der Yukon zu einem breiten, träge dahin fließenden Fluß geworden. Alljährlich bei Frühjahrshochwasser entstehen neue Inseln und andere werden oft samt Baumbestand weggerissen. Selbst gute Flußkarten können nicht verhindern, daß man zeitweise die Orientierung verliert. Als ich 1998 aus dem Big Salmon River kommend, von Big Salmon Village auf dem Yukon Richtung Dawson fuhr, vermißte ich besonders den guten Sichtkontakt zum Ufer, den ich bis dahin immer hatte. Die Berge waren in die Ferne gerückt und die Begegnungen mit Tieren wurden durch die große Entfernung bis zum Ufer wesentlich seltener. Wer allerdings mit dem Kanu nicht sehr vertraut ist, sich nicht wochenlang der Einsamkeit aussetzen möchte, oder den unmittelbaren Kontakt mit Tieren garnicht sucht, der ist mit der Tour von Whitehorse nach Dawson gut beraten. Selbstverständlich steckt auch in dieser Strecke genügend Potential, um die Kanutour zu einem unvergeßlichen Abenteuer werden zu lassen. Mitbringen muß man ein gewisses Maß an Begeisterung für die Zeit auf deren Spuren man wandelt, Interesse und Verbundenheit mit der Natur und den Willen das gesteckte Ziel zu erreichen. Der Flußabschnitt zwischen Whitehorse und Dawson City wird in der Zeit von Juni bis Ende August in zunehmendem Maße von Kanuten aus aller Welt befahren. Dann geht es an bestimmten Tagen recht laut und lebhaft auf dem Fluß zu. Wer die Einsamkeit, urwüchsige Natur und die eigenen Grenzen der Belastbarkeit sucht, der sollte einen der vielen Nebenflüsse des Yukon wählen. Der Big Salmon River - eine Empfehlung für den echten Naturfreund !Ja, der "Big Salmon" ist wirklich ein ausgesprochen schöner Fluß. Die Bezeichnung "schön" bezieht sich nicht nur auf die Landschaft durch die er fließt, sondern auch auf seine relativ behutsame Art mit der er den Flußwanderer in Richtung Yukon transportiert. Nach einer etwa 250 km weiten Fahrt von Whitehorse aus, auf dem Alaska Highway und über eine Schotterpiste, hat man den Einsetzpunkt am Quiet Lake erreicht. Am Abfluß des See's beginnt die Fahrt auf dem Big Salmon River, der dort eigentlich nur ein Bach ist. Er durchquert nacheinander den Sandy Lake und den Big Salmon Lake. Dort oben in den Bergen bekommt man gleich von Anfang an so ein unheimliches Gefühl von Ruhe und Einsamkeit. Kein Laut von anderen Menschen, von Autos, Eisenbahnen oder Flugzeugen, ist zu vernehmen. Es klingt zwar sehr eigenartig, aber man hat den Eindruck die Stille zu hören. Nach dem Big Salmon Lake beginnt das Flußabenteuer. Je nach Wasserstand muß ein schwer beladenes Kanu stellenweise auch einmal im Wasser watend gezogen werden. Auch dieser Fluß läßt es sich nicht nehmen bei Frühjahreshochwasser viele Bäume zu unterspülen und mitzureißen. Oftmals hängen sie auch noch am Ufer verwurzelt, mit der Krone dicht über dem Wasser (Sweepers ). Ein Kanute, der hier nicht aufpaßt, wird schnell aus dem Boot gefegt. Eine besondere Gefahr am Big Salmon River sind die engen Kurven und die dort abgelagerten, mehrere Meter hohe Holzhaufen aus Baumstämmen. Hier besteht potenzielle Lebensgefahr, die von "Greenhorns" nicht selten unterschätzt wird.Wer durch die Strömung mit seinem Kanu unter das Gewirr von Baumstämmen gedrückt wird, hat kaum eine Chance diese Situation zu überleben. Wenn man im August unterwegs ist, kann man etwas ganz besonderes erleben. Mehrere Lachsarten ziehen ab Mitte Juli bis September im Fluß aufwärts zu den Laichplätzen im Oberlauf. Ich war 1998 bereits seit Tagen unterwegs und hatte keinen einzigen Lachs zu sehen bekommen. Plötzlich, wie aus dem Nichts waren sie da! Ihre leicht geröteten Körper waren im glasklaren Wasser sehr gut zu sehen. Tausende Lachse zogen tagelang am Kanu vorbei! Abgesehen von den beschriebenen Gefahren in den engen Flußbiegungen und einzelnen schnell fließenden Passagen mit größerem Geröll auf dem Grund, bietet der "Big Salmon" keine nennenswerten Hindernisse. Man kann sich an der Schönheit der Natur erfreuen und findet besonders an den Mündungen von Nebenflüssen geeignete Rastplätze. ![]() Der Big Salmon River Gute Fische an den Haken zu bekommen ist im Fluß immer möglich. Außer den Lachsen sind besonders die sehr schmackhaften Äschen zu empfehlen. Wenn keine Flugangel zur Hand ist, kann man auch mit einem sehr kleinen Blinker oder Spinner gute Erfolge erzielen. Tierbegegnungen waren immer ein besonderes Erlebnis. In Abständen von 20 bis 30 Metern konnte man fotografierend an kapitalen Elchen oder Schwarzbären vorbeitreiben. Dort, wo der Big Salmon River in den Yukon River mündet, befinden sich die Reste der ehemaligen Indianersiedlung Big Salmon Village. Einige halb verfallene Blockhäuser und einen kleinen Indianerfriedhof kann man sich dort noch ansehen. Von Yukon-Flußwanderern wird dieser Platz gerne zur Übernachtung genutzt und deshalb wird man dort auch selten alleine bleiben. Manchmal kommen ganze Heerscharen mit Kanus aus Richtung Whitehorse und schocken den an Einsamkeit gewöhnten Big Salmon-Kanuten. Wie ich schon erwähnte, bin ich 1998 vom Quiet Lake kommend, auf dem Big Salmon River und dem Yukon River nach Dawson gefahren. Diese Tour auf dem Big Salmon River war damals eine sehr gute Wahl, da man sich beim ersten Yukon-Abenteuer, selbst bei allerbester Vorbereitung, nicht mehr zutrauen sollte. Wer den Big Salmon gefahren ist, infiziert sich nicht selten mit dem Virus der Sehnsucht nach unberührter Natur und Einsamkeit. Schon bald wird man sich dann zu Hause dabei ertappen, wie die Gedanken um ein einziges Thema kreisen: Wann geht es wieder auf Tour, wer ist der geeignete Partner und welcher Fluß wird es dann sein ? Für meine zweite Tour im Jahr 2000 hatte ich, basierend auf den Erfahrungen mit dem Big Salmon und dem Yukon River, ganz neue Ideen.
Bei einem Blick auf das spärliche Straßennetz des Yukon Territorys erkannte ich sehr schnell, daß zu Erfüllung von Pkt.1 nur zwei Straßen bzw. Schotterpisten in Frage kamen. Das waren die Canoil Road, von der aus ich schon den Big Salmon erreicht hatte oder der Silver Trail, den man vom Klondike Highway aus erreichen kann. Die Canol Road, die bei Jonsons Crossing vom Alaska Highway abzweigt, führt durch die Pelly Mountains zu den Selwyn Mountains.In diesen beiden Gebirgsketten entspringen außerordentlich viele Flüsse die größtenteils in den Mackenzie River oder in den Yukon River münden. Nur einer unter all den Flüssen, die von der Canoil Road aus erreichbar sind, erfüllte alle drei Auswahlkriterien, die mir wichtig waren. Fast am Ende der Canol Road, dort wo sich die Schotterpiste in den Weiten der Selwyn Mountains verliert, hat man Zugang zum Oberlauf eines sehr interessanten Flusses ...dem South Macmillan River. Aber es boten sich auch noch weitere Möglichkeiten! Über den Silver Trail erreicht man mit dem Auto den Ort Mayo und weiter auf einer Schotterpiste die winzigen Siedlungen Keno und Elsa. In Mayo ist es möglich, ein Wasserflugzeug zu chartern, um zu einigen Seen in den Hess Mountains zu gelangen. Dort entspringen sehr interessante Nebenflüsse des Hess Rivers. Auch die Variante, sich mit einem geländegängigen Auto vom Ort Elsa aus zum Mac Questen Lake bringen zu lassen ist möglich. Von dort aus erreicht man mit etwas Aufwand ( tragen und leinen ) die Wasserscheide zum Quellgebiet des Scougale Creek. Dieser Bach ist der Zugang zum Oberlauf des Stewart Rivers, der etwa 150 km vor Dawson in den Yukon mündet. ![]() Ein namenloser See an der Canol Road Dann wäre da noch der Mac Questen River, der vom gleichnamigen See aus in Richtung Süden zum Stewart River fließt. Trotz der großen Auswahl von vielversprechenden Flüssen, erfüllt auch hier nur der Stewart River die für mich wichtigen Bedingungen. Etwas störte mich allerdings so sehr, daß er für meine Tour dann doch nicht in Frage kam. Mir gefiel nicht, daß ich im Unterlauf des Stewart Rivers etwa 100 km in unmittelbarer Nähe des Silver Trails und des Klondike Highways paddeln würde. Ich wollte Natur und Einsamkeit erleben und nicht die Nähe der Straße mit stinkenden, lärmenden Lastern suchen. Tagelang habe ich damals über Karten gesessen und Flußbeschreibungen ausgewertet. Letztlich blieb bei allem Für und Wider nur ein Fluß übrig, der das hatte, was ich suchte! Die Entscheidung war gefallen! Der South Macmillan River sollte es sein! Der South Macmillan River ...eine echte Herausforderung!Sein Quellgebiet liegt in den Selwyn Mountains, einem Randgebirge der nördlichen Rocky Mountains. Eine Schotterpiste, genannt Canol Road, ist die einzige Möglichkeit, dieses Gebiet mit einem geländegängigen Auto zu erreichen. Im Oberlauf durchquert der Fluß eine zum Mt. Sheldon ( 2114 m )gehörende Bergkette. Enge Schluchten mit reißenden Stromschnellen sind zu bewältigen. Bis zum links einmündenden Dragon Creek kommt man bezüglich der Stromschnellen kaum zur Ruhe. Das Tal zwischen der South Fork Range ( 2186m ) und dem Mt. Selous ( 2176m ) läßt dann mit etwas mehr Gemütlichkeit die grausame Schinderei in und an den Stromschnellen vergessen. ![]() Stromschnellen des South Macmillan Rivers Nach etwa 120 km vereinigen sich der North Macmillan und der South Macmillan, um als Macmillan River den Weg zum Pelly River fortzusetzen. Nun kann man am Ufer des Flusses ab und zu auch einmal eine Hütte von Jägern entdecken, die im Herbst mit starken Motorbooten zur Jagd hierher kommen. Die Umgebung des Macmillan Rivers ist für ihren Wildreichtum bekannt. In den bergigen Regionen ist der Sichtkontakt zu Grizzlys und Wölfen nicht selten. Aber auch Stachelschweine, verschiedene Entenarten, Kolkraben und Weißkopfseeadler kann man oft beobachten. Besonders beeindruckend sind immerwieder Begegnungen mit stattlichen Elchen, die manchmal mit gewaltigen Schaufeln "bewaffnet" wie ein Felsen mitten im Fluß stehen und das vorbeitreibenden Kanu furchtlos beobachten. Im Bereich der Wilkinson Range merkt man bei einem Blick zurück, daß man das Gebirge hinter sich gelassen hat. Kaum wird man jetzt noch einen Grizzly zu sehen bekommen, dafür aber mit den weitaus neugierigeren Schwarzbären zu tun haben. An der Mündung des Russel Creek findet man die Überreste einer alten Goldmine die noch vor wenigen Jahren von einigen Familien mit dürftigem Erfolg ausgebeutet wurde. Man sollte sich auch Zeit nehmen, die umliegenden Berge zu erkunden. Besonders empfehlenswert ist der Mt. Kalzas und die Drommedary Mtn. Das sind aber dann auch schon Tagesmärsche und ein "Verlaufen" muß grundsätzlich mit geeigneten Mitteln ausgeschlossen werden. In nicht enden wollenden Biegungen durchfließt der Macmillan im Bereich des Mc Arthur Wildlife Sanctuary schier unendliche Wälder und die Täler namenloser Berge. Dieses Gebiet ist für seinen guten Bestand von Elchen, Dallschafen, Schwarzbären, Wölfen und Stachelschweinen bekannt. Von Anfang an sollte man genau mit der Verhaltensweise bei Begegnungen mit Bären vertraut sein. Ab August erreichen die aufsteigenden Lachse den Macmillan River und das wissen auch die Bären! Im Bereich der Pelmac Ridge, einer hohen Landzunge, mündet der Macmillan in den Pelly River und dieser hat dann auch schon eine beachtliche Breite. Wer nun glaubt alle Schwierigkeiten bezüglich der Stromschnellen und Felsen im Wasser hinter sich zu haben, der irrt! Der Granite Canyon will noch bezwungen werden! Hier hat sich der Fluß im Laufe von Jahrtausenden durch ein Gebirgsmassiv gefressen und ließ eine enge Schlucht mit teilweise senkrechten Felswänden entstehen. Die Wassermassen des Pelly Rivers müssen hier hindurch und tuen dies mit aller Macht. Bei Niedrigwasser bekommt man erhebliche Probleme mit den nun sichtbaren riesigen Felsbrocken die der Fluß hier vorübergehend abgelegt hat. So manches Kanu hat sich hier schon quergelegt und ist zwischen den Felsen durch den enormen Druck des Wassers zermalmt worden. Bei Hochwasser ist es die enorme Fließgeschwindigkeit die den Puls auf 180 treibt. Kaum in der Lage komplizierte Manöver auszuführen, wird man durch den Canyon getrieben. Die Wellentäler nach den überspülten Felsen haben nicht selten eine Tiefe von bis zu einem Meter. Es ist außerordentlich schwierig das Kanu auf Kurs zu halten. Am Ausgang des Canyons wartet dann zur Verabschiedung mitten im Fluß ein ca. 10 m hoher spitzer Felsen ( Needle Rock ) mit tückischen Strudeln und verkeilten Baumstämmen. Wer den South Macmillen und den Pelly River bis hierher geschafft hat, der kann die Angst nun getrost in den Rucksack packen und die Muskeln aufwärmen. Ab sofort ist intensieves paddeln angesagt, denn die Strömung ist nicht mehr mit der des Macmillan Rivers vergleichbar. Nun sind es noch 36 km bis Pelly Crossing, einer kleinen Indianersiedlung an der Brücke des Klondike Highways über den Pelly River. Nach 3 Wochen absoluter Einsamkeit hat man unvermeidbar wieder Kontakt zur Zivilisation. Pelly Crossing besteht aus einer Anzahl von Holzhäusern, einer Tankstelle, einem Kiosk und der Indianer-Reservatsverwaltung "Selkirk First Nation". Im Winter herrscht hier für kurze Zeit reges Treiben. Jedes Jahr im Februar findet das weltbekannte Schlittenhunderennen "Yukon Quest" von Whitehorse nach Faibanks in Alaska statt und Pelly Crossing ist einer der Checkpoints den die Gespanne passieren müssen. Bis zur Mündung in den Yukon sind es noch etwa 80 km und man sollte unbedingt nach ca. 60 km auf der rechten Flußseite nach der "Pelly River Range" Ausschau halten. Bei einem Besuch der freundlichen Bewohner kann man erfahren, wie man weit ab von Zivilisation, Ordnung, Sauberkeit und Streß auch glücklich sein kann. Das letzte Stück bis zur Mündung in den Yukon ist bei ständigem paddeln kein Problem. Schon von weitem sieht man auf der rechten Flußseite das mächtige Felsplateau, das wie aus einem Western stammend, majestätisch aufragt und die Mündung des Pelly Rivers in den Yukon River ankündigt. Nun sind es nur noch ca. 315 km bis nach Dawson City und man hat dann vom Einsetzpunkt am Oberlauf des South Macmillan bis zum Ziel rund 825 Flußkilometer bewältigt . 2. Ein Jahr VorbereitungNur derjenige, der sich auf solch eine Tour gut vorbereitet, kann sich weitestgehend gegen unerfreuliche Überraschungen absichern. Das war schon bei der ersten Tour auf dem Big Salmon River mein Grundsatz. Wenn man erst einmal am Fluß abgesetzt wurde, ist es nicht mehr möglich Hilfe zu bekommen.Der nächste Telefonumsetzer ist hunderte von Kilometern entfernt und die Nuzung eines Handys ist somit ausgeschlossen. Und wer kann sich schon ein Satelittentelefon leisten ? Einen wichtigen Punkt in der Vorbereitung hatte ich ja bereits geklärt! Ich wußte auf welchen Fluß ich mit meinem Partner fahren wollte. Aber wer sollte mein Partner auf dieser anspruchsvollen und auch gefährlichen Tour sein ? Automatisch habe ich natürlich gleich an Frank, meinen Cousin gedacht, der mich vor 2 Jahren auf dem Big Salmon River begleitet hatte. In der Jugend haben wir schon oft gemeinsam Paddeltouren mit dem Faltboot gemacht und beide entwickelten wir schon damals einen ausgeprägten Sinn für die Schönheiten der Natur. Als ich ihn 1997 anrief, um von meinen Plänen zu berichten, war er gleich begeistert und es bestand kein Zweifel hinsichtlich seiner Teilnahme. Ich wußte, daß ich einen ausgezeichneten Paddler mit Kraft und Ausdauer mit im Boot haben würde. Es würde nicht viel Training notwendig sein, um auf dem Fluß so zu harmonieren, daß einer dem anderen nicht sagen mußte was zu tun ist.Und es stellte sich heraus, daß ich mich in dieser Beziehung nicht getäuscht hatte - er war ein sehr guter Paddler! Bedingt durch unsere vereinbarte Arbeitsteilung in den Camps hatte jeder seine Aufgaben zu erledigen und Frank tat das, ohne das es Grund zur Klage gab. Leider stellten sich mit zunehmender Dauer unserer Tour dann doch Probleme heraus, mit denen ich nicht gerechnet hatte. Die Zeitumstellung machte Frank dermaßen zu schaffen, daß er wegen Übermüdung oft unaufmerksam war und mir Hindernisse im Wasser nicht rechtzeitig oder garnicht ansagte. Dieser Umstand hätte uns in einem Fall beinahe eine Kenterung und den Verlust der Ausrüstung oder gar des Kanus eingebracht. Das alles wurde noch verschlimmert, als wir ganz in der Nähe unseres Lagers einen Schwarzbären sahen. Von nun an konnte Frank nur noch mit dem sprichwörtlichen "einen Auge" schlafen und sein Zustand verschlechterte sich mehr und mehr. Er hatte schon nach wenigen Tagen das Lachen verlernt, schaute auf den Fotos grimmig drein und der Blick für die Natur war ihm auch vergangen. Zunehmend machte er darauf aufmerksam, wie schön es irgendwo an einem sonnigen Strand weit im Süden wäre. Das war nicht mehr der Frank, den ich aus Jugendzeiten kannte. Das Leben in der Stadt hatte ihn sehr verändert. Er kam keinesfalls für die Teilnahme an einer weiteren Tour in Frage und wollte dies auch selbst nicht. Man kann natürlich eine Kanutour auch alleine angehen. Solch ein Vorhaben ist sehr heikel und jeder sollte sich selbst eingehend fragen, ob er 4 Wochen absoluter Einsamkeit auch durchsteht und das für sinnvoll hält. Die Bewältigung von Stromschnellen ist außerdem ohne Schlagmann im Bug des Kanus ein sehr gefährliches Vorhaben. Eine Alternative wäre eine größere Gruppe mit 2 bis drei Kanus, die einige nicht von der Hand zu weisende Vorteile haben würde.
Trotz der augenscheinlichen Vorteile einer Gruppentour, ziehe ich ein einzelnes Kanu mit zwei Personen vor. Voraussetzung ist natürlich, das beide Kanuten gut miteinander auskommen und gleiche Interessen haben. Nichts nervt mich mehr als viele Meinungen und keine Lösung für anstehende Probleme. Wenn dann in einer größeren Gruppe noch persönliche Differenzen hinzukommen, dann ist das Chaos perfekt. Zwei Personen, die aufeinander angewiesen sind, finden wesentlich schneller zu einer gemeinsamen Meinung. Als ich nach meiner Tour auf dem Big Salmon River nach Hause kam und später die Bilder von Freunden und Bekannten staunend betrachtet wurden, mangelte es nicht an Angeboten zur Teilnahme an meinem nächsten Abenteuer im Nordwesten Kanadas. Diese Angebote kamen oft spontan und unüberlegt. Die wenigsten derer, die begeistert Interesse bekundeten, kamen für mich auch nur annähernd in Betracht. Ich wußte was es heißt, vier Wochen ständig und unausweichlich nur mit ein und derselben Person zusammen zu sein. Das ist eine Erfahrung, die man sonst im normalen Leben niemals machen kann. Unter denjenigen, die überhaupt in Frage kamen, war eigentlich nur einer, der psychisch und physisch in der Lage war, die vier Wochen in der Wildnis durchzustehen. Mein ehemaliger Arbeitskollege Ralf Koch hatte mir schon oft, ohne übertriebene Begeisterungsbekundungen, sein ehrliches Interesse an einer Teilnahme an meiner nächsten Tour mitgeteilt. Charakterlich und bezogen auf seine körperliche Fitness schätzte ich ihn als sehr geeignet ein. Er ist auch ein naturverbundener Mensch mit einer Lebenseinstellung, die sich gut mit den Erfordernissen eines Lebens weit ab der Zivilisation verträgt. Der einzige offensichtliche Faktor der gegen seine Teilnahme sprach, war seine völlige Unkenntnis im Umgang mit einem Kanu. Außer bei einer Kahnfahrt hatte er noch keine Erfahrungen im Umgang mit einem Boot gesammelt…..noch weniger mit einem Kanu! Eines stand fest, diese Tatsache war ein erhebliches Risiko! Ich wollte natürlich nach den Erfahrungen, die ich mit meinem Partner am Big Salmon River gemacht hatte nicht wieder unnötig viele Probleme bekommen. Und der South Macmillan River hat es im Oberlauf wirklich in sich. Nur 10 km nach dem Einsetzpunkt ist der Fluß ruhig und bietet Möglichkeiten verschiedene Manöver zu trainieren. Die nächsten 60 km bestehen aus einer Aneinanderreihung von Stromschnellen der Klasse 2-4. Es war mir damals klar -- ich würde ein großes Wagnis eingehen! Andererseits kann man das Pro oder Contra bezüglich der Eignung eines Menschen für Extremsituationen nur feststellen, wenn man ihm Gelegenheit gegeben hat, sich zu beweisen. Letztendlich schätzte ich seine charakterliche, psychische und physische Eignung doch wichtiger ein als sein derzeitiges Unvermögen mit einem Kanu umzugehen. Ralf und ich waren uns dann schnell einig, daß wir im Jahr 2000 gemeinsam den South Macmillan River fahren und über den Pelly River und dem Yukon River das Ziel Dawson City erreichen wollten. Wir hatten nun noch etwa ein Jahr Zeit, um die Ausrüstung in Kanada zu bestellen, einen geeigneten Flug zu buchen und unsere persönliche Ausrüstung anzuschaffen bzw. zu vervollständigen. Ein besonders günstiger Umstand war die Tatsache, daß ich einerseits auf Erfahrungen andererseits auf eine fertige Planung aus dem Jahr 1998 zurückgreifen konnte. Die damals mit viel Mühe aufgestellten Listen für persönliche Dinge, allgemeine Ausrüstungsgegenstände, Einkaufslisten für den Foodstore in Whitehorse und Verpflegungspläne, hatte ich vorausschauend im Computer abgespeichert. ( siehe Ausrüstung & Verpflegung ) Nur sehr geringe Änderungen waren nötig und jeder von uns wußten, was noch zu besorgen war. Eine der wichtigsten Voraussetzungen für das Gelingen einer solchen Tour ist die Zuverlässigkeit des Ausrüsters in Kanada. Es darf keinen Zweifel daran geben, daß alles zum vereinbarten Termin und in guter Qualität bereitgestellt wird. Über das Kanadische Tourismusbüro und die Kanadische Botschaft in Deutschland hatte ich mir 1997 reichlich Prospektmaterial vom Yukon-Territory besorgt. So erhielt ich Kontaktadressen von örtlichen Tourismusbüros und Leuten, die Wildnistouren durchführen und auch "Einzelkämpfer" ausrüsten. Ich hatte damals noch keinen Internet-Zugang und es war sehr mühselig die verschiedensten Angebote auf dem Postweg zu checken. Da Whitehorse als das Tor zum Yukon bezeichnet werden kann, gibt es hier auch viele Ausrüster von Wildnistouren. Es sind meistens Deutsche, die vor vielen Jahren nach Kanada ausgewandert waren. Ich habe mich 1997 für ,Wolf Adventures Tours` entschieden, weil ich gut beraten wurde, alle meine Wünsche Gehör fanden und das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmte. Ich hatte damals eine gute Wahl getroffen und dies war auch der Grund dafür, daß ich die Ausrüstung der South Macmillan Tour in die Hände von Wolf und Jaana Schall legte. Ich vereinbarte die Bereitstellung des "Old Town Discovery 169" Kanus + Zubehör, verschiedener Kochutensilien und den Transport zum Einsetzpunkt. Auch die Bestellung des Hotelzimmers im "River View Hotel" in Whitehorse wurde uns abgenommen. Dabei ist es ratsam zwei Übernachtungen vor der eigentlichen Tour zu buchen. Man braucht ganz einfach zwei Tage, um Proviant und sonstiges zu kaufen. Nach der eintägigen Rückfahrt von Dawson City reicht eine Übernachtung vor dem Rückflug nach Deutschland. Vor der terminlichen Festlegung aller Aktionen in Kanada hatte ich mich vorsorglich um Flugverbindungen nach Whitehorse bemüht. Auch in dieser Frage hatte ich 1998 gelernt. Auf keinen Fall wollte ich nochmals den Umweg über London und Vancouver nehmen, um nach Whitehorse zu kommen. Es gab jetzt einen Flug von Frankfurt/Main nach Anchorage über Whitehorse. Das war genau der Flug, der uns so schnell wie möglich an unser Ziel bringen würde. Als dann im November 1999 der Termin der Werksferien in meiner Firma feststand, buchte ich Flug Nr. DE 4066 für den 27.07.00 nach Whitehorse und Flug Nr. 4067 für den 24.08.00 zurück nach Deutschland. ( Condor ) Danach bekam Wolf Schall, unser "Mann" in Kanada, den Auftrag alle vorab besprochenen Termine als vereinbart zu betrachten. Zwei Wochen später erhielt ich die Vertragsbestätigung, die Rechnung für die Ausrüstung und den Transport sowie einen Block mit Flußkarten und eine Flußbeschreibung. Von nun an ging es nur noch um die Dinge, die wir von zu Hause mitnehmen mußten und um die Beschäftigung mit der Flußbeschreibung und den Karten. Obwohl ich vor zwei Jahren am Big Salmon River mit Fug und Recht behaupten konnte, bei meiner Planung nichts vergessen zu haben, gab es trotzdem einige Verbesserungen an der Ausrüstung.
Bis auf kleinere Ergänzungen hatte ich ja meine Ausrüstung noch von der Tour auf dem Big Salmon komplett. Ralf mußte sich erst alles besorgen, konnte sich aber die vorhandenen Listen zu Hilfe nehmen. Unser Ziel, im März 2000 die Vorbereitung der Tour und die Beschaffung aller Ausrüstungsgegenstände abzuschließen, haben wir erreicht. Die Flußkarten hatte ich auf DIN A4 vergrößert und jedes Blatt zwischen Folie eingeschweißt. Die Flußbeschreibung ist mir von einer Englisch-Lehrerin übersetzt worden und im Laufe der Zeit habe ich sie so oft durchgelesen, daß ich den South Macmillan River theoretisch schon so gut kannte, als ob er bei mir zu Hause vorbeifließen würde. Mein Reisepaß war noch einige Jahre gültig und Ralf mußte sich bis zum Abflug noch einen beschaffen. Als Startkapital hatten wir 500 $ zur Verfügung. Das war zur Sicherheit für die ersten Ausgaben. Ansonsten funktioniert das bargeldlose Bezahlen z.B. mit der Mastercard in jedem kleinen Laden in Kanada. Es war Juni geworden und im Keller stand eine fertig gepackte 85 Liter-Kraxe, ein 120 Liter wasserfester Seesack und ein Angelrutenfutteral. Es konnte losgehen ! |